Natur suchen – Stille finden

Über Triers Kneipp-Verein und kleine Ruheoasen im Herzen der Stadt

Auch wenn Trier es nur knapp zur Großstadt schafft, kann das Leben im Zentrum manchmal ganz schön hektisch sein. Inseln abseits des Trubels gibt es, aber man muss wissen, wo sie zu finden sind. Zu den geheimen Ruhepolen der Stadt zählt auch der Park des Trierer Schönstattzentrums in Heiligkreuz. Auf kleiner Fläche können dort eine Vielzahl verschiedener Baumriesen bestaunt werden, die teils über 170 Jahre alt sind. Nistkästen, Futterplätze und Fledermauskästen tragen dazu bei, dass die Oase voller Leben ist. Ursprünglich angelegt von Brauereibesitzer Anton Caspary, gehört der kleine Park heute den Schönstatter Schwestern. Obwohl sich die gepflegte Grünanlage hinter einer Mauer versteckt, ist sie öffentlich zugänglich und einen Besuch in jedem Falle wert.

 

 

Ein historischer Steinbrunnen im hinteren Teil des Parks erinnert noch heute an die Brauereivergangenheit der Anlage. Obwohl er längst nicht mehr für die Herstellung von Gerstensaft genutzt wird, dient er noch immer regelmäßig dem leiblichen Wohl. Dieser Tage nutzt ihn der Trierer Kneipp-Verein gerne für Güsse (z.B. Knie- oder Rückengießungen zugunsten der Gelenke), wie Sigrid Ertl, die 1. Vorsitzende des Vereins, erzählt. Entdeckt hatte sie den verborgenen Park zunächst als idealen Ort für das jährliche Sommerfest des Vereins, da er ruhig, naturnah und familienfreundlich ist. Trotz seiner Zentrumsnähe erlaubt der Park allen Besuchern, Ruhe in der Natur zu erfahren – ein Erleben, das für ein Leben nach und mit Kneipp wichtig ist. Wie eine Kneippsche Lebenspraxis aussehen kann und welche Orte sich in Trier und Region anbieten, um damit vertraut zu werden, erzählen uns Sigrid Ertl und Anja Berg (2. Vorsitzende, Kneipp-Verein Trier) im Gespräch.

 

Kneippen: Zunächst muss hier das doppelte P beachtet werden, um Missverständnissen vorzubeugen. Um Flüssigkeit geht es aber dennoch: Statt in den Rachen, wird sie in diesem Fall aber über Füße, Arme und andere Gelenke gegossen. Die Wasserkur ist die wohl bekannteste Praxis unter den von Pfarrer Sebastian Kneipp gesammelten Naturheil- verfahren, die heute Grundlage des Kneippens sind. Dazu gehört aber viel mehr:  Kneippen ist eine ganzheitliche Lehre, die Gesundheit erhalten und ggf. wiederherstellen soll. Im Zentrum stehen fünf Säulen: Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und Balance. Was zunächst entspannt klingt, ist letztlich aber nichts für Warmduscher: Das Kneippen setzt auch auf Abhärtung – der ein oder andere kalte Fuß ist also garantiert. Seit 2015 gehört das Kneippen auch zum Immateriellen UNESCO-Kulturerbe.

 

Im Vordergrund des Kneippens stehen die Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit durch positive Änderungen der Lebensweise. Das große Schlagwort dabei ist Eigenverantwortung. „Die meisten Menschen,“ so Ertl, „kennen heute die Körpersprache nicht mehr oder haben keinen Bezug mehr zum eigenen Körper. Wenn man irgendwas hat, ist man erstmal irritiert. Beim Kneippen versucht man, bewusst näher zu sich selbst zu kommen. Dabei kann man die Erfahrung machen, dass man dem, was einem passiert, nicht ohnmächtig ausgeliefert ist. Man versucht erstmal zu erkunden, woher etwas kommt: Was habe ich gegessen? Vertrage ich vielleicht etwas nicht? Hatte ich Ärger? Bei Kneipp gibt es kein Rezept, mit dem Krankheiten sofort abgestellt werden, weil sie häufig multikausal sind – die ganze Lebensweise trägt dazu bei.“

Möglichkeiten, Natur und Stille in den Alltag zu integrieren, spielen dabei eine wichtige Rolle. „Der ideale Ort,“ so Ertl, „ist der Wald, aber auch in der Stadt Trier gibt es verschiedene Orte der Stille, zum Beispiel den Mattheiser Weiher, wo man sich erholen kann, oder den Nells Park, vor allem die hinteren Ecken.“ Dabei liegt es vor allem an der eigenen Wahrnehmung, wie man eine Stadt erlebt, ergänzt Anja Berg: „Es ist wichtig, dass man unabhängig von der Idee wird, man müsste an einen ganz bestimmten Ort.“ Neben dem Mattheiser Weiher, Nells Park und dem Schönstattzentrum bietet in Trier auch das Moselufer abwechslungsreiche Möglichkeiten, Ruhe und Natur zu erleben – ob zu Fuß, auf dem Rad oder dem Wasser. „Das Tolle an Trier ist,“ so ergänzt Berg, „dass man immer auf einen grünen Berg schaut. Man muss gar nicht weit weg: Selbst zu Fuß erreicht man innerhalb von 20 bis 25 Minuten die Natur, sei es hoch zur Mariensäule, zum Petrisberg oder Weißhaus, zu den Weinbergen oder ins Tiergartental. Man kann fast überall touristische Aktivitäten auch mit der Natur verbinden.“

 

 

Der traditionsreiche Trierer Kneipp-Verein ist eng mit der Region und ihrer Natur verbunden. Zu seinem abwechslungsreichen Programm gehören u.a. Back- und Kochseminare nach Kneipp, Yoga-Kurse, Gießungen nach Kneipp und Kräuterwanderungen. Besonders gerne erinnern sich Berg und Ertl in diesem Rahmen an zwei Kräuterwanderungen im Weißhauswald, die für Geflüchtete angeboten wurden. Auf die Frage hin, wie sie es dabei mit der Sprache gehalten haben, hört man Begeisterung bei Anja Berg: „Das war super! Es waren hauptsächlich Syrer, Afghanen und Iraner, die noch ein niedriges deutsches Sprachniveau hatten. Aber entweder hat einer ein bisschen gedolmetscht – vieles ging aber einfach mit Händen und Füßen – oder jemand hat ein Smartphone rausgeholt und nachgeschaut, was zum Beispiel Kartoffel oder Blatt heißt. Gerade dadurch, dass man an Kräutern alles anfassen und daran riechen kann, war es genial!“  Kneippen verbindet, so scheint es – aber nicht nur das Kneippen allein: „Die Brennnessel,“ so Ertl, „hat uns alle verbunden, denn die gibt es fast überall auf der Welt.“

Während in der Stadt Trier noch keine Kneipp-Anlage zur Verfügung steht, bestehen bereits Pläne, im Zuge der Renaturierung des Aveler Bachs und des Olewiger Bachs zwei Kneipp-Bereiche in Stadtnähe zu etablieren (Nells Park & Olewig). Während sich diese Projekte noch in Planung befinden, lohnt es sich bereits, den zahlreichen Becken der Region einen Besuch abzustatten und unter ihnen den eigenen Favoriten zu finden. Im unmittelbaren Einzugsgebiet der Stadt stehen Interessierten eine Reihe von Kneipp-Anlagen zur Verfügung, die alle individuelle Vorteile besitzen. Für Familien empfehlen sich vor allem die Anlagen in Kenn und Schweich, so Ertl: Das Becken in Kenn liegt direkt an einem Spielplatz, während in Schweich, am Bach, ergänzend ein Barfußpfad angelegt wurde. Das Becken in Igel liegt, praktisch für Radfahrer, direkt am Moselradweg (auf der Homepage des Vereins findet sich eine vollständige Übersicht der regionalen Becken). Das neuste Becken der Region liegt am Rand von Sirzenich und wurde vor zwei Jahren in Zusammenarbeit von THW und der Feuerwehr Sirzenich fertiggestellt. Ihren persönlichen Favoriten unter den Kneipp-Becken der Region verrät Ertl uns auch: „Nach meiner Wahrnehmung ist die schönste Anlage in Beuren/Hochwald (Hunsrück) mit Fischerhütte und Weiher, direkt am Waldrand. Das Becken wird von einem Bach gespeist, der hindurchfließt, und die Anlage besteht komplett aus Holz und Kies. Es ist herrlich dort!“

 

Die neuste Kneipp-Anlage der Region in Sirzenich. Mehr Wald geht nicht!

 

Der etwa 50 Mitglieder starke Kneipp-Verein Trier wächst langsam – „langsam und stabil wie ein Baum,“ sagt Ertl – und das ist auch Absicht. Vor allem aktive Mitglieder und Referenten wünscht sich der Vorstand für die Zukunft, um auch weiterhin die positiven Wirkungen des Kneippens auf die gesamte Lebensqualität an Interessierte weiterzugeben.

 

Besonders im Zentrum der Stadt sind Ruheoasen rar. Der Trierer Kneipp-Verein verrät, wo man dennoch Ruhe finden kann und erklärt, warum das heute wichtig ist.

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