Zeitkapseln

Das brandneu fertiggestellte Studierendenwohnheim „Martinskloster – Haus am Baum“ nah des Moselufers weist eine Besonderheit auf: In jedem der Zimmer befindet sich an einer Wand eine Plexiglas-Kapsel, in der sich ein Artefakt aus der mehr als 1500-jährigen Geschichte des Martinsklosters befindet. Diese Zeitkapseln verleihen jeder Wohneinheit ganz eigene Identifikationsmöglichkeiten und enthalten z.B. einen mittelalterlichen Schlüssel, eine Reliquiendose, einen Taler aus der Preußenzeit, eine Orgelpfeife, einen Lesestein und oder ein Wikinger-Glöckchen. Frank P. Meyer hat sich anlässlich der Neueröffnung des Wohnheims (im September 2022) das Martinskloster mal angeschaut, alte Erinnerungen heraufbeschwört und neue Einsichten erhalten.

Frank Meyer vor der Studierendenwohnanlage Haus am Baum
Frank Meyer auf nostalgischer Erkundungstour des neuen / alten Martinsklosters.

Mitte der 80er gab’s im Studentenwohnheim Martinskloster einen Irish Pub namens Travellers Inn, mit irischem Fassbier und anderen bewusstseinserweiternden Stoffen. Ich war dort regelmäßiger Gast. Und Anfang der 90er wohnte im Zimmer gegenüber der Gemeinschaftsküche ein polnischer Austauschstudi, der gerne Kommilitonen zum Piroggen-Kochen einlud. Welch genialer Tarnname! Gut, es wurden dann tatsächlich auch gemeinsam Piroggen zubereitet. Aber noch bevor die zu Wasser gelassen wurden, hatte man schon soviel Wodka intus, dass uns aus dem Vorlesungsverzeichnis herausgerissene Seiten, mit Spucke zu Papierkügelchen verknüllt, ebenfalls geschmeckt hätten. Ich will damit keinesfalls meine Studienzeit glorifizieren, sondern lediglich klarstellen: Mir braucht keiner was übers Martinskloster zu erzählen, ich habe dort prägende Erfahrungen gesammelt. Ich selbst wohnte zwar in einem anderen Studentenwohnheim, aber auch ich war einmal, ein bisschen wenigstens, das Martinskloster.

Hinterm Kloster gab‘s ein 70er Jahre-Wohnheim, Architektur-Stil Normandie 44 (offiziell hieß der Baustil Brutalismus, aber zumindest von außen hatte der Bau was von einer Hochbunkeranlage. Schön war‘s hinterm Martinskloster nur, weil dort der wundervollste Baum zwischen dem Schwarzwald und dem Wattenmeer steht. Und um diese gefühlt 2000 Jahre alte Blutbuche hat das Studiwerk Trier jetzt ein neues Wohnheim drum herum gebaut. Die Buche ist immer noch der Star, aber die neue Blechkiste, die den Baum jetzt zusammen mit dem Kloster einrahmt, bildet ein perfektes Ensemble.

Alte Blutbuche vorm Martinskloster mit grünen Blättern
Generationen von Studierenden hat die alte Buche schon begleitet. Jetzt heißt sie endlich wieder neue Studis willkommen.

Ich brauche hier keine Zeile darauf zu verschwenden, wie niedrig-energetisch das neue Wohnheim ist, wie ästhetisch gelungen. Was mich vielmehr interessiert: Worin unterscheidet sich wohngefühlsmäßig das Double ‚Martinskloster-Haus am Baum‘ von der alten Kombi ‚Martinskloster-Hochbunker‘? Da gäbe es einiges zu nennen: Anstelle der Küche im Erkerzimmer, in der sich jahrzehntelang die Düfte und Aromen aller jemals dort gekochten Gerichte und gerauchten Gräser im Wandputz verstetigt hatten, befindet sich jetzt der stylische Konferenzraum ‚Bellevue‘, der so ansprechend ist, dass wenn man ihn zu oft benutzt, man später unbedingt einen Job im gehobenen Management haben will, um weiter in solchem Ambiente tagen zu dürfen.

Oder was technisch geändert wurde: Gelegentliche kuschelige Zimmerbrände, wie sie früher öfter vorkamen, wird’s nicht mehr geben. Sämtliche Herdplatten sind jetzt mit Antiüberhitzungs-Zeitschaltuhren gesichert.

Studierende aus allen Teilen der Welt fühlen sich wohl. Ich habe kürzlich einige von ihnen kennengelernt und war begeistert von deren Begeisterung fürs Wohnen am Baum. Von Leuten aus Asien, Afrika und arabischen Ländern habe ich mir sagen lassen, dass es sich hier wunderbar wohnen lässt. Selbst Saarländer, und höher kann man ein Studentenwohnheim nicht adeln, können hier glücklich werden, denn im Innenhof, gleich bei der Buche, gibt‘s einen Grillplatz, mit Schwenker. Den habe ich selbstverständlich eingehend inspiziert. Tipptopp das Ding, Marke Dillinger Hütte, also nicht, dass die Dillinger Hütte Schwenker herstellt, aber die Materialien stammen eindeutig von dort. Natürlich ausschließlich Restteile, die zu sonst nix mehr zu gebrauchen waren und bei denen irgendjemand das ursaarländische Prinzip angewandt hat: ‚Du muscht ab unn zu was ausm Betrieb mithole, sonscht kommt’s noch weg.‘ Ein wunderbares Werkstück, dieser Schwenker, mit dem noch viele künftige Bewohner mit Heimatadressen von Saarbrigge bis Sansibar Spaß haben werden.

Umgebautes und modernisiertes Martinskloster Trier
Die ein oder anderen Ex-Bewohner*innen werden wohl zweimal hinschauen müssen, um das Gebäude in seiner heutigen Form wiederzuerkennen.

Aber das sind technische oder ästhetische Unterschiede. Was im Vergleich zu meiner Studienzeit vor allem anders ist, und das beeinflusst das Zwischenmenschliche enorm, sind die völlig neuartigen Spitznamen, die die Studis sich hier untereinander geben werden.

Als ich damals auf Martinskloster-Partys war, gab‘s dort einen Germanistik-Studenten, Wolfgang, den alle ‚den Anarchisten‘ nannten, vermutlich weil er ausschließlich im roten Che Guevara-T-Shirt rumlief (entweder wusch er den Fetzten nie oder er hatte 5 davon). Ein anderer, der in Echt Bernd hieß, hatte den Spitznamen „d’n Jeeesus“, ich muss ihn nicht beschreiben, Sie können sich bestimmt selbst ein Bild vor Augen rufen: lange Haare, einen Jesus-Bart und … richtig: Er trug ganzjährig Birkenstocksandalen (damals noch ‚Jesuslatschen‘ genannt), auch im Winter ohne Socken. Und wenn ich im Martinskloster zu Partys auftauchte, nannten mich alle, ich sag‘s nur ungern: Magnum. Ja, Sie vermuten richtig, ich hatte damals eine unübersehbare Vorliebe für Hawaiihemden, und der Name war auch eine Anspielung auf meine perfekte Kopie des Tom-Selleck-alias-Detektiv-Magnum-Oberlippenbartes. Solche Schnurrbärte wachsen heutzutage gar nicht mehr, nicht mal mehr auf meiner Oberlippe. Sie sehen, es war ästhetisch auch nicht alles gut in den 80ern.

Zu solch fragwürdigen Spitznamen aber kommt es im Martinskloster-Wohnheim heutzutage nicht mehr. Hier hört man jetzt eher, wie Alina ihrer Zimmernachbarin Milena gesteht: „Ich würde gerne den ‚Benedikt-Löffel‘, mal näher kennenlernen, der hat so ein süßes Lächeln.“
„Ja, und der Typ, mit dem der ‚Benedikt-Löffel‘ dauernd zusammenhängt, der ‚Preußen-Taler‘, der guckt immer so vielsagend.“

Frank Meyer neben einer Zeitkapsel im Martinskloster Trier
Auch wenn 2022 weder Hawaiihemd noch Oberlippenbart übrig sind, fühlt sich Frank Meyer bei der Erkundung des Martinsklosters wohl.

Milena und Alina wissen nicht, dass der Preußen-Taler und der Benedikt-Löffel wiederum schon über sie geredet haben, und sie ‚die Reliquiendose‘ und ‚die Mausefalle‘ nennen. Viel haben diese jungen Menschen übereinander noch nicht herausgefunden, aber offensichtlich schon, im Zimmer mit welcher Zeitkapsel sie jeweils wohnen. Diese Zeitkapseln mit historischen Artefakten machen aus jedem Zimmer eine individuelle, unverwechselbare Bleibe, und sorgen für eine neue, kulturhistorisch motivierte Spitznamengeneration: „Kennst du den, der im Zimmer mit dem Schiebeleuchter wohnt?“ – „Der zwei Zimmer neben dir?“ – „Nein, das ist doch die Orgelpfeife.“

Meine Top-3-Zeitkapsel-Artefakte sind: das Wikinger-Bronzeglöckchen, die Mehlschaufel und der Beryllium-Lesestein. Wäre ich heute Student, hätte ich gerne eine dieser Zeitkapseln in meiner Bude, und den Spitznamen dazu („Kennst du den Lesestein?“ – „Den Typ vom 1. Stock, Hawaiihemden, Oberlippenbart?“ – „Genau, den Lesestein eben.“)

Alter Schlüssel in einer Zeitkapsel im Martinskloster Trier
Die Zeitkapseln haben gleich einen dreifachen Nutzen: Erinnerungsstücke, Zimmermerkmale und Vorlagen für Spitznamen.

Auch Flirten geht heutzutage im Martinskloster ganz anders, mehr sophisticated. Nach einer Spontanparty im Klavierraum, oder wenn sich der Grillabend am Dillinger-Hütte-Schwenker gen Ende neigt, hört man künftig die Frage: „Darf ich dir mein Artefakt zeigen.“ – „Bist du nicht der mit den Kanonenkugeln?“ – „Nee, sorry, nur der mit den kleinen Bleikugeln. Also: Willst du mal meine Kügelchen sehen?“

Die Zeit des Briefmarkenalbenzeigens ist damit endgültig passé. Gott sei Dank, hat noch nie so richtig gezogen. Ich weiß wovon ich rede, hab nix unversucht gelassen, damals.

Verdammt, ich muss mich zusammenreißen, jetzt nicht zu sagen: Wenn ich nochmal jung wäre … aber falls Sie jemanden kennen, der das Glück hat, in Trier studieren zu dürfen, empfehlen Sie ihm, sich ein paar Semester in dieser wunderbaren Oase rund um die alte Blutbuche zu gönnen.

Bild zeigt Frank P. Meyer mit blauem Hemd und dunkelbraunem Sakko von vorne.
Frank P. Meyer

Zur Person

Frank P. Meyer, Saarländer, Jahrgang 1962, ist Studienberater an der Universität Trier sowie Autor von bisher 8 Büchern (vier Romane sowie Sammlungen von Erzählungen und Kolumnen). Als Trierer Stadtschreiber 2012 begann er, Kolumnen zu schreiben. Inzwischen hat er an die 100 Kolumnen veröffentlicht. Dabei erkundet der „Meyer Frank“ seine Wahlheimat Trier aus seiner sehr eigenwilligen Perspektive.

Foto: Elke Janssen

Stadtkolumne „Lost in Trier“

Zur Blog-Reihe

Eigentlich kennt Wahl-Trierer Frank Meyer die Stadt wie seine Westentasche. Trotzdem ist der gebürtige Saarländer regelmäßig „Lost in Trier“. Allerdings im besten Sinne: Für seine Leserinnen und Leser erkundet er das Kuriose, Liebenswürdige, Kaum-zu-Glaubende, Charakteristische, Alltägliche und Außergewöhnliche dieser Stadt. Wir sind zugegebenermaßen ein bisschen stolz darauf, dass Frank seine Kolumnen, die in Buchform bereits tausende begeistert haben, ab sofort einmal im Monat tastenfrisch bei uns veröffentlicht. Noch nie waren wir so gerne „lost“ wie mit ihm!

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