T(r)ierische Exoten

Ob winzig klein und bronzefarben oder mit schicker Trendfrisur – die Trierer Tiere sind alles andere als gewöhnlich. Frank P. Meyer kennt sie alle und erörtert in dieser Kolumne seine vier Lieblinge. Wie es sich für einen echten T(r)ier-Experten gehört, hat er sie alle selbst besucht und dabei sogar die ein oder andere neue Freundschaft geschlossen.

In Trier gibt’s schon sonderbare Gestalten, auch unter den Tieren. Andere Städte haben einen Zoo. Den braucht Trier nicht, denn vom Mattheiser Weiher zum Weißhauswald kann man, ohne Eintritt zahlen zu müssen, die exotischsten Kreaturen entdecken.

Nr. 4 – Niedliche Nutrias

Ich sag’s gleich: Die wahrscheinlich meistbesuchten Viecher der Stadt gehören keinesfalls zu meiner persönlichen Top-3-Liste der Triertiere. Aber sie sind nun mal populär, die Nutrias vom Mattheiser Weiher.

Streng genommen sind Nutrias fette Ratten mit gelben Zähnen. Da sie aber nicht Ratten heißen, sondern einen exotisch klingenden Namen haben und optisch als Biber durchgehen, können Eltern mit ihren Kindern ans Ufer des Mattheiser Weiher treten und verzückt „Schau mal, die süßen Nutrias“ flöten. Als ich letztes Mal dort am Weiher war, traf ich sogar Touristen aus Thüringen, die von den Nutrias gehört hatten und sie unbedingt in ihrem Trierer Besichtigungsprogramm haben wollten (einer ihrer Trier-Tage sah dann vielleicht folgendermaßen aus: Porta Nigra besichtigen, Selfie mit Marxstatue machen, süße Nutrias gucken, Weinprobe reinziehen usw.).

Zwar haben sie es nicht in Frank Meyers Top 3 geschafft, jedoch erfreuen sich die knuffigen Tiere großer Beliebtheit.

Außer den verzückten Thüringern war auch ein Mann mit Trierer Akzent zugegen, der für alle Anwesenden laut und vernehmbar darauf hinwies, dass diese putzigen Tiere Ratten seien. Von einigen Eltern erntete er dafür böse Blicke, weil: „Guck mal, die süßen Ratten“, passt nicht so recht zum Sonntagsausflug. Dabei war der Hinweis sicher nur gut gemeint, und der Mann wollte die Kinder davor warnen, sich einer ästhetischen Täuschung hinzugeben und die Ratten tatsächlich süß zu finden. Glücklicherweise verfütterten etliche Kinder die mitgebrachten Brotreste sowieso lieber an die Mattheiser Enten, die von den Nutrias zu Unrecht in der Beliebtheitsskala der Trierer Top-Tiere auf einen hinteren Platz verdrängt worden sind.

Nr. 3 – Ehranger Esel

Leider kann ich hier nicht auf alle außergewöhnlichen Triertiere eingehen, möchte aber zumindest darauf hinweisen, dass man am Tiergartenbach bei Olewig auf eine Herde zotteliger Schottischer Hochlandrinder trifft, am Moselstrand bei Zurlauben haufenweise Muscheln findet – die man übrigens, anders als Nutrias, essen könnte – und außerdem gibt’s in Trier die größten Esel (hier gilt ebenfalls: auch solche mit vier Beinen). Im Industriegebiet hinterm Trierer Hafen gibt es eine Großesel-Züchterin. Neulich, als ich in Trier-Ehrang am Großesel-Gehege vorbeikam, habe ich mich spontan mit einem Esel angefreundet, bzw. er hat gleich Kontakt zu mir gesucht und die Nase durch den Zaun gesteckt, vielleicht weil er in mir einen Artverwandten witterte. Gefühlt ist so ein Großesel (Widerristhöhe ab 1,31) mindestens fünfmal so groß wie ein Shetlandpony und ganz sicher hundertmal schöner als Nutrias.

Der Beginn einer wunderbaren neuen Freundschaft: Frank Meyer und der Großesel lernen sich kennen.

Nr. 2 – Drollige Dom-Mäuse

Bei Kindern sehr beliebt – zumindest behaupten das viele Eltern – sind die Dom-Mäuse. Die haben den unschätzbaren Vorteil, dass man sie im Dom immer an derselben Stelle findet, weil sie aus Bronze sind und nicht von der Stelle können und man sie streicheln kann, ohne gebissen zu werden (und weil man vom Dom aus nur kurze Wege zur nächsten Eisdiele hat).

Die Dom-Mäuse bestechen vielleicht nicht gerade durch ihr weiches Fell, niedlich sind sie jedoch allemal.

Nr. 1 – Wuschelige Wollschweine

Meine persönliche Nummer 1 der Triertiere aber sind unangefochten die Weißhauswald-Schweine, und hier allen voran: Das Wollschwein. Ja, Wollschweine gibt es wirklich und ich verstehe nicht, wieso sie oberhalb der ja auch putzigen Wildschwein-Frischlinge in einem etwas versteckt liegenden Gehege untergebracht sind. Der Weg dorthin lohnt sich jedenfalls. Die zwei Wollsäue und der Wollschwein-Eber sind tatsächlich üppig behaart und kommen mit einer hochmodernen Frisur daher, einer neckischen Lockenpracht, die vorn weit in die Stirn fällt.

Achten Sie in der Fußgängerzone mal darauf: die Wollschweinwuscheln werden aktuell oft kopiert, unter anderem von einem angesehenen Trierer Buchhändler und Literatur-Blogger. Über eine hippe Frisur hinaus haben diese Wollschwein noch weiteres zu bieten. Sie bestehen zu 70 Prozent aus Fett, wahrscheinlich schwimmen sie besser als Nutrias, und geben, wenn sie gerade Frischlinge haben, Milch, die in Sachen Fettgehalt zwischen Vollmilch und Schlagsahne rangiert. Dieses wunderbar Tier müsste nur noch Eier legen können und schon wäre sie perfekt: die eierlegende Wollmilchsau, mit der man dann, wenn sie sich so züchten ließe, ordentlich Geld machen und den Trierer Finanzhaushalt in ruhigere Gewässer steuern könnte.

Was für eine Lockenpracht! Da wundert es nicht, dass das Wollschwein auf Platz eins des Siegertreppchens von Frank Meyer gelandet ist.

Bonus: Anmutige Albino-Wildsau

Und wem das nicht exotisch genug ist, sollte im Weißhauswald Ausschau nach der Albino-Wildsau halten. Hierbei handelt es sich, Sie vermuten richtig, um ein weißes Wildschwein. Ob es auch roten Augen hat, konnte ich bislang noch nicht herausbekommen. Das Albin-Wildschwein soll schon mehrmals gesichtet worden sein – so ähnlich wie das Ungeheuer von Loch Ness eben. Der Trierer Naturerlebnisbegleiter Ralf Richard jedenfalls behauptet, es schon gesehen zu haben, und der neigt, soweit mir bekannt, nicht zur übertriebenen Mythen- und Legendenbildung. Ich selbst habe etliche Stunden rund ums Wildschweingehege verbracht, auch im Morgennebel und abends bei Vollmond, habe die Albino-Sau aber bisher immer nur beinahe erspähen können.

Also, falls Sie auf ihrer Trierer Nutria-Hochlandrind-Großesel-Dommäuse-Wollschwein-Tour auch das Albino-Wildschwein entdecken sollten, schicken Sie mir unbedingt ein Foto davon.

Bild zeigt Frank P. Meyer mit blauem Hemd und dunkelbraunem Sakko von vorne.
Frank P. Meyer

Zur Person

Frank P. Meyer, Saarländer, Jahrgang 1962, ist Studienberater an der Universität Trier sowie Autor von bisher 8 Büchern (vier Romane sowie Sammlungen von Erzählungen und Kolumnen). Als Trierer Stadtschreiber 2012 begann er, Kolumnen zu schreiben. Inzwischen hat er an die 100 Kolumnen veröffentlicht. Dabei erkundet der „Meyer Frank“ seine Wahlheimat Trier aus seiner sehr eigenwilligen Perspektive.

Foto: Elke Janssen

Stadtkolumne „Lost in Trier“

Zur Blog-Reihe

Eigentlich kennt Wahl-Trierer Frank Meyer die Stadt wie seine Westentasche. Trotzdem ist der gebürtige Saarländer regelmäßig „Lost in Trier“. Allerdings im besten Sinne: Für seine Leserinnen und Leser erkundet er das Kuriose, Liebenswürdige, Kaum-zu-Glaubende, Charakteristische, Alltägliche und Außergewöhnliche dieser Stadt. Wir sind zugegebenermaßen ein bisschen stolz darauf, dass Frank seine Kolumnen, die in Buchform bereits tausende begeistert haben, ab sofort einmal im Monat tastenfrisch bei uns veröffentlicht. Noch nie waren wir so gerne „lost“ wie mit ihm!

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.