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Verwirrung zum Schmunzeln – die Brückenstraße in Trier

Verwirrung zum Schmunzeln –  die Brückenstraße in Trier

Wenn es in einer Sonnenstraße regnet oder in einem Adlerweg nur Amseln und Spatzen zwitschern, macht sich der gemeine Straßenschildleser keine großen Gedanken. Wenn eine „Brückenstraße“, in der sich das Geburtshaus von Karl Marx befindet,  aber in eine „Karl-Marx-Straße“ übergeht, an deren Ende eine Brücke steht, ist das doch außergewöhnlich – und verwirrt vor allem den Ortsfremden.

Schild der Brückenstraße in Trier
Die Brückenstraße in Trier verbindet die Fußgängerzone mit der Römerbrücke.


Aus der Brücke wird Karl Marx

In Trier ist diese Kuriosität schon seit vielen Jahrzehnten ein Dauerbrenner, wenn es um die Frage geht,  welche Insiderinfos normalerweise nur echte Trierer kennen. Schon seit 1947 belustigt man sich über die Neubenennung im Karl-Marx-Viertel. Mindestens seit 1150 nannte man die dortige lange Straße, die vom Ende der heutigen Fußgängerzone bis zur Römerbrücke führte „Brückenstraße“ oder „Brückergasse“ (damals: „platea qua itur ad pontem“ – „Straße, die zur Brücke gegangen wird“). Das machte ja auch Sinn, schließlich war die heutige Römerbrücke im Gegensatz zu heute die einzige feste, auf römischen Steinpfeilern ruhende Brücke über die Mosel und hatte deshalb ohne Weiteres die Ehre verdient, auch im dazugehörigen Straßennamen aufzutauchen. 1734 benannte man bereits den letzten Teil der Straße in „Schanzstraße“ um, 1947 schließlich diesen und einen großen weiteren Teil, den man einem der berühmtesten Söhne der Stadt, Karl Marx, widmete. Das führt bis heute zur Besonderheit, dass der vordere Straßenverlauf, in dem das Museum Karl-Marx-Haus steht, noch den ursprünglichen Namen „Brückenstraße“ trägt, während der hintere Verlauf, der an der Römerbrücke endet, „Karl-Marx-Straße“ heißt.

Bidl des Karl Marx Haus in der Brückenstraße
Das Geburtshaus von Karl Marx beherbergt heute das Karl Marx Museum.


Auch Ehefrau Jenny bekommt ihre Straße

Marx hätte es sicherlich belustigt, ebenso wie die Tatsache, dass in dem nach ihm benannten Teil noch heute in kleines Rotlicht- und Vergnügungsviertel besteht, das allerdings im Vergleich zu früheren Jahrzehnten schon deutlich dezenter geworden ist. Ob seine Ehefrau Jenny von Westphalen auch hätte darüber lachen können? Die Antwort auf diese Frage muss im Dunkel der Spekulation verbleiben, sicher ist jedoch, dass Jenny deutlich länger auf „ihre“ Straße warten musste – und diese dazu noch sehr weit weg vom geliebten Ehemann gelegen ist. Sie befindet sich hoch oben im Petrisberg, inmitten von säuberlich angelegten Steingärten und einem auf dem Reißbrett nach modernen architektonischen Gesichtspunkten angelegten Neubaugebiet. Und während das Geburtshaus von Karl nur wenige hundert Meter von seiner Straße entfernt liegt, muss man schon knappe vier Kilometer zurücklegen, um von der Jenny-Marx-Straße zu ihrem Wohnhaus in der Neustraße zu kommen.

Übrigens: Das Geburtshaus von Jenny Marx in Salzwedel (Sachsen-Anhalt) steht tatsächlich in der Jenny-Marx-Straße. Aber das ist ja irgendwie auch schon wieder langweilig.


Meine Top 3 rund um die Brückenstraße

  • Jetzt, wo man weiß, wo man suchen muss, lohnt auf jeden Fall ein Besuch im Museum Karl-Marx-Haus, das anlässlich des 200. Geburtstags von Karl im Jahr 2018 eine rundum erneuerte Daueraustellung bekommen hat. Mehr Infos gibt es hier.
  • Kein Besuch in der Karl-Marx-Straße ohne ein Stück Konditorkunst im Traditionsbetrieb des „Café Raab“. Ein jahrzehntealter Klassiker ist jedoch nicht nach dem berühmten Philosophen benannt: Die Rembrandt-Torte haben schon unsere Eltern als junge Menschen verspeist. Dafür gibt es Karl als Praline, denn auch die bekommt man dort ganz vorzüglich.
  • Unmittelbar an der Karl-Marx-Straße befindet sich ein Durchgang zum Theater Trier und zum dortigen Augustinerhof mit seinem eindrucksvollen Hochbunker, der 1942 zum Schutz der Bevölkerung errichtet, aber nie ganz fertig wurde. Auch die geplante spätere Verkleidung mit Sandstein und Schiefer bleib bloßes Wunschdenken, erklärt aber, warum der Bunker so eine ungewöhnliche Form hat, die eher an historische Gebäude der Innenstadt erinnert: Er sollte sich nach dem Krieg schön ins Stadtbild eingliedern. 

Fotos: Trier Tourismus und Marketing GmbH

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Paula redet gerne und viel. Mit sich, ihren Kindern, Katzen, Kollegen und Kumpel. Was sie dabei nicht unterbringt, schreibt sie nieder. Zur Entlastung und Belustigung ihrer Umwelt. Ob das gelingt? Darüber hüllt sich der Mantel des Schweigens. Zumindest so lange, bis Paula weiterredet.

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