Wehrhaft, wahr und wundervoll: AnniKa von Trier vertont bei der Illuminale die Porta Nigra

Von Adel zu sein, ist in Trier ganz leicht. Auf die Frage, aus welcher Stadt man kommt, antwortet man hier schließlich „Eich sinn von Trier!“

Daraus leitete Annika Krump ihren Künstlernamen AnniKa von Trier ab, unter dem sie seit 2014 auftritt, auch wenn ihre Karriere schon Ende der 80er begann. Ihre Auftritte, Künstlerstipendien, Reisen und Engagements haben die 51-jährige Wahl-Berlinerin seitdem um die ganze Welt geführt – als Performancekünstlerin, Autorin, Sängerin, Akkordeonistin, Geräuschemacherin und Seiltänzerin. Ihrer Heimatstadt ist sie aber immer verbunden geblieben. Und so wird sie an der diesjährigen Illuminale gemeinsam mit den Dresdner Videokünstlern von ruestungsschmie.de und dem Berliner Sounddesigner und Komponisten Jarii van Gohl von Soundselektor die Porta Nigra bespielen – mit poetischen, zeitgemäßen und nachdenklichen Texten, die die Geschichte des Trierer Wahrzeichens wortgewandt beleuchten. Mit ihr sprach TTM-Geschäftsführer Norbert Käthler.

Norbert Käthler: AnniKa, Du bist im Moment dabei, für uns im Rahmen der Illuminale mit Lichtkünstlern zusammen zu arbeiten. Kannst Du uns schon irgendetwas verraten, ohne zu viel zu spoilern?

AnniKa von Trier: Es ist ein großes Vergnügen, mit der ruestungsschmie.de zu arbeiten, mit Philip Modest Schambelan, Michał Banisch und dem Komponisten Jarii van Gohl. Die ersten beiden leben in Dresden, sodass ich sie bislang nur vom Telefon her kenne, aber Jarii van Gohl ist auch in Berlin, und mit ihm habe ich in den letzten Wochen besonders eng zusammengearbeitet. Für die Illuminale hatte ich den Auftrag, einen Text zu schreiben, zu sprechen und einzusingen. Dabei war das Konzept der ruestungsschmie.de für mich Ausschlag gebend, es nimmt eine Dreiteilung vor: persistence, progression und perspective. Ich habe also mit dem ursprünglichen Sinn der Porta angefangen, der Wehrhaftigkeit, und dann den Sinneswandel verarbeitet: Dass es einen klerikalen Umschwung gab, dass sogar Kirchen darin gebaut wurden. Diesen Mittelteil finde ich besonders spannend.

Das finde ich auch für die heutige Zeit einen schönen Zug: Wieder an Wunder zu glauben.

Annika von Trier

Was hat Dich an diesem Sinneswandel im Mittelalter, den Du gerade angesprochen hast, besonders fasziniert?

Simeon, der Heilige, der sich dort hat einmauern lassen, war für mich als Triererin eine schöne Entdeckung. Ich bin tausendmal über die Simeonstrasse gegangen, aber ich habe mich – anders als bei Karl Marx – nie mit der Biographie des Heiligen Simeon beschäftigt. Er war für mich der Einstieg in die Inspiration, weil ich es faszinierend finde, dass dieser Mensch 25.000 Kilometer gewandert ist, fünf Sprachen sprach, sich am Schluss zu seiner Lichtwerdung in die Porta setzte und dann aufgrund zahlreicher Wunder heiliggesprochen wurde. Das finde ich auch für die heutige Zeit einen schönen Zug: Wieder an Wunder zu glauben.

Warum, glaubst Du, ist das gerade für die heutige Zeit wichtig? Welchen aktuellen Zug siehst Du darin?

Nun ja, es ist ja gerade eine sehr schwierige Zeit. Das Einmauern habe ich auch als Synonym für den Lockdown gesehen, in dem viele Menschen unfreiwillig isoliert waren: Simeon hat sich hingegen freiwillig isoliert und ist in eine innere Einkehr gegangen, um daraus eine Wahrhaftigkeit zu erschaffen. Ich finde, das ist etwas, was sehr aktuell ist: Dass aus einer Wehrhaftigkeit wieder eine Wahrhaftigkeit wird. Sich selbst zu erkennen, ist in dieser Zeit wichtiger denn je. Ich bin Tonkünstlerin und habe da viel mit dem Klang der Wörter gespielt. Ich liebe auch den Klang von Mehrsprachigkeit.

Du hast 18 Jahre deines Lebens, bis zu deinem Abitur, in Trier verbracht. Jetzt solltest Du nicht nur für deine Heimatstadt arbeiten, sondern auch für ihr wichtigstes Symbol. Was hat das für dich bedeutet?

Die Porta ist das Wahrzeichen von Trier, es ist eine Ehre, für dieses Projekt zu arbeiten.

AnniKa von Trier

Wenn ich auf meinen Reisen und Konzerten erzähle, dass ich aus Trier komme, kommt sofort: „Ah! Die Porta Nigra! Da war ich auf Klassenfahrt!“ Die Stadt wird mit der Porta gleichgesetzt.
Und damit kommen wir auf den dritten Teil der Projektion zu sprechen, die Perspektive. Denn heute ist die Porta das Gegenteil des Zwecks, für den sie errichtet wurde: Nicht Abwehr, sondern Offenheit ist heute enorm wichtig. Jetzt ist die Porta Nigra ein offenes Tor, ein Ort, an dem Feste stattfinden, zu dem wahnsinnig viele Leute aus der ganzen Welt kommen, um sie zu sehen. Und das ist die Perspektive, wo es hinführen muss. Denn das Motto der diesjährigen Illuminale ist ja „Europa. Grenzenlos.“ Wir müssen erkennen, dass es nicht mit neuen Grenzen geht, mit neuen Feindbildern, sondern dass die Länder und Menschen zusammenarbeiten müssen, um eine positive Zukunft für alle zu schaffen. Wir sind alle zusammen für diese Erde verantwortlich. Öffnet die Tore! Wir sind eins. Lux lucet omnibus. Das Licht scheint für alle.

Annika Krump & Christina Ansorge: „The singing Mondscheinsisters“ Trier 1987 © Stefan Thelen

Du hast Bücher und Hörspiele geschrieben, bist Akkordeonspielerin und Sängerin – wie kam es dazu, dass Du diesen Werdegang eingeschlagen hast?

Oh, das hat tatsächlich in der Simeonstraße angefangen, wo ich mit 16 mit meiner besten Freundin Straßenmusik gemacht habe. Da wurden wir quasi vom Fleck weg für die Tufa engagiert. Ein Jahr später habe ich auf dem Hauptmarkt eine Schweizer Straßentheatergruppe gesehen, „Karl’s Kühne Gassenschau“, die eine fantastische musikalische, akrobatische und clowneske Show machen. Die habe ich gefragt, ob ich bei ihnen ein Straßentheaterpraktikum machen kann. Ein Jahr später habe ich das dann gemacht, habe Seiltanzen gelernt und gesehen: Das, was mir Spaß macht, ist tatsächlich ein Beruf!

Einfach mal so Seiltanzen lernen – Du suchst die Herausforderung, oder?

Ja, so war es immer. In meinem Malereistudium in Frankreich, meinem Literaturstudium in Berlin, meinen zwei Jahren an der Volksbühne in Berlin als Dramaturgie- und Regieassistentin von Castorf, Marthaler, Fritsch und Schlingensief habe ich immer wieder Herausforderungen gefunden. Alle Berufe, die ich heute mache – Akkordeonspielerin, Geräuschemacherin, Autorin – wurden immer von außen an mich herangetragen. Mein Akkordeon habe ich zum Beispiel 1992 in einem Container in Ost-Berlin in der Marienburger Straße gefunden und gedacht: Okay, hier liegt ein Akkordeon, dann werde ich Akkordeonspielerin. Das Leben findet mich.

AnniKa von Trier im Garten von Hannah Höch in Berlin Heiligensee © Michael Zeidler

Der Stadtsoziologe Richard Florida hat einmal von den drei großen T’s gesprochen: Städte, so sagt er, entwickeln sich gut, wenn sie Toleranz, Talent und Technologie zusammenbringen. Aus deiner Berliner Perspektive: Glaubst Du, Trier ist hier gut aufgestellt?

Ich finde, man kann Städte nicht miteinander vergleichen. Jetzt bin ich Stadtschreiberin in Rheinsberg und ich würde nie auf die Idee kommen, Rheinsberg mit Trier oder mit Berlin zu vergleichen. Aber ich bin in der Landschaft zwischen Eifel und Hunsrück verwurzelt; mir geht das Herz auf, wenn ich die wunderschöne Bahnstrecke von Koblenz nach Trier fahre. Berlin ist flach, da gibt es keine Weinberge (lacht). Aber es macht keinen Sinn, das zu werten, denn jeder Ort hat seine Schönheiten, Eigenheiten und seine Kultur. Aber wenn man in so einer Stadt wie Trier aufgewachsen ist, mit römischer Kultur, mit den Bauwerken, mit dem alten Sandstein, mit den Weinbergen, dann prägt das. Ich habe ja sogar noch das Große Latinum… Das hätte ich in Berlin wahrscheinlich nicht gemacht. Da hätte ich wohl eher Russisch gelernt.

mit AnniKa von Trier

1. Dein Lieblingsort in Trier?
Der Garten vom Café Mohrenkopf.

2. Die beste Zeit für Trier?
Der Frühherbst, wenn die Weinberge bunt werden.

3. Dein Trier Souvenir, das Du Freunden nach Berlin mitbringst?
Etwas von Karl Marx.

4. Dein Lieblingsgericht aus der moselfränkischen Küche?
Teerdich. Ich bin ja eigentlich Vegetarierin, aber dafür lasse ich das Vegetarier-Dasein mal da sein.

5. Viez ist für Dich?
Nicht so gut wie Cidre aus der Bretagne.

6. Wenn ich einen Werbespruch für Trier machen müsste, würde der lauten?
Eins, zwei, drei, Trier…auf die Plätze, fertig, los!

7. An Trier regt mich auf, dass…?
… die wunderschönen Gebäude und die Architektur in der Innenstadt mit so vielen Billigläden verschandelt werden.

8. Wenn ich Oberbürgermeisterin wäre, würde ich…
…genau daran arbeiten und dafür sorgen, dass man mehr wie italienische Kleinstädte arbeitet, mit alten Schriftzügen zum Beispiel, und dass man die schöne Architektur mehr zeigt, anstatt sie zu verunstalten.

9. In 10 Jahren wird Trier…
Kulturhauptstadt. (lacht)

AnniKa von Triers Lieblingsjahreszeit für Trier: Der Herbst und seine bunt gefärbten Weinberge

Von 1, „gar nicht“ bis 10, „absolut hundertprozentig“

10. „Trier ist Kulturstadt“.
Römische Kultur 10, aktuelle Kultur 4. Aber das ist natürlich unfair, ich vergleiche dann doch mit Berlin…Da gibt es ein paar Einwohner mehr.

11. „1000 amazing places you must see, before you die“
5

12. Trier ist cool.
Nein, cool ist kein Wort für Trier: 2.

13. Trier ist eine junge Stadt.
Die Studierenden sind ja leider immer auf dem Berg und kommen nicht so runter in die Stadt (lacht)…4.

14. Trier steckt zu sehr in seiner Vergangenheit fest.
5

15. Trier ist ein Dorf.
8

16. Die Trierer*innen sind weltoffen und tolerant.
Oh, dafür bin ich zu lange weg. Aber frag mich nach der Illuminale, wenn ich wieder einige Tage in der Stadt war und Menschen begegnet bin.



Titelfoto: © Nathan Murrell vor einem Kunstwerk von Peter Weibel in der Art Lounge/ Café Korb in Wien

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