Es geht um die Wurst: Wie viel Substanz hat die Innenstadt?

Theresia Sanktjohanser ist Geschäftsführerin und Inhaberin von QUINT Fleischwaren und QUINT Warenhandel, das drei Edeka Quint-Märkte in Trier betreibt. Sie ist Präsidentin im Einzelhandelsverband Trier und zudem erste Vorsitzende im Verarbeitungs- und Handel-Beirat von Bioland. Im Interview mit ttm-Geschäftsführer Norbert Käthler spricht sie über nachhaltige Landwirtschaft, bewusste Ernährung und die Zukunft der Trierer Innenstadt.

Der gebürtigen Triererin Theresia Sanktjohanser liegt die Zukunft der Innenstadt am Herzen, Foto: Theresia Sanktjohanser.

Norbert Käthler: Als Sie sich entschieden haben, den Familienbetrieb zu übernehmen, haben erstmal alle gesagt: „Super, jetzt kommt die Tochter“? Oder wie muss man sich das vorstellen?

Theresia Sanktjohanser: Nein, das war genau anders, da ich als Tochter und nicht als Sohn übernommen habe. Da waren in der Fleischerei-Branche einige Männer am Start, die andere Vorstellungen hatten. Ich musste mir den Platz erkämpfen.

Die bisherigen Geschäftsführer im Betrieb waren aber eigentlich der Meinung, sie können das besser?

Es ist gerade in meiner Branche schwieriger gewesen als Frau in der Führungsposition als in anderen Branchen, weil die Welt doch sehr männerdominant war. Die Betonung liegt auf „war“, das ist ja jetzt auch schon ein paar Jahre her.

Das Ziel: 100 Prozent Bio-Produktion

QUINT-Fleischwaren stand ja, zumindest als Sie es übernommen haben, nicht für Bio-Waren. Was war die Motivation, das Thema Bioproduktion in den Mittelpunkt zu stellen?

Ich selbst ernähre mich sehr bewusst. Damals habe ich viele Dinge ausprobiert, habe mich auch eine Zeit lang vegetarisch ernährt. Ich hatte auch ein Problem mit den ganzen Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern, die in Lebensmitteln enthalten sein können. Das war mir einfach ein Ansporn, die Wurst dorthin zu bringen, dass sie weiterhin gut schmeckt, aber gesünder wird.

Es gab immer schon viele Landwirte, die nah an ökologischer Landwirtschaft gearbeitet haben. Ich habe es als meine Aufgabe gesehen, das wiederzubeleben.

Theresia Sanktjohanser


Es gibt nach wie vor das traditionelle QUINT und es gibt das Bioland-Quint. Sind die beiden stark miteinander verzahnt?

Das wirklich traditionelle QUINT ist dem Bioland-QUINT sehr nah. Es ist eigentlich ein bisschen „zurück zu den Wurzeln“. Mein Vater ist zu den Landwirten nach Hause gefahren, er hat sich die Tiere angeschaut, die er dann zum Schlachten mitgenommen hat. Es gab immer schon viele Landwirte, die nah an ökologischer Landwirtschaft gearbeitet haben. Ich habe es als meine Aufgabe gesehen, das wiederzubeleben.

Und das gilt dann nicht nur für die Bioland-Produktion, sondern für die gesamte Produktion?

Im Moment teilt sich der Gesamtumsatz in 50 Prozent Bioland-Schwerpunkt und 50 Prozent konventionelles Sortiment. Konsequent ist es, den Betrieb in Zukunft auf hundert Prozent Bio umzustellen. Das ist auch unser Ziel.

Manchmal glaube ich, wir sind zu verwöhnt, um zu sehen, was mit der Natur geschehen kann, wenn wir nicht darauf aufpassen.

Theresia Sanktjohanser

Wie nehmen Sie denn Trier in Bezug auf Nachhaltigkeit und bewusste Ernährung wahr?

Das Corona-Jahr hat uns ein Stück weit mit in die richtige Richtung geführt. Ernährung ist nach wie vor sehr preisabhängig. Es wird oft wenig hinterfragt, was die Qualität eines Produktes ausmacht und was ökologische Landwirtschaft eigentlich bedeutet. Man verkauft ja nicht nur ein Produkt, sondern ein ganzes Konzept und eine Lebenseinstellung.

…und das ist in Trier auch angekommen?

Der Trierer hat, das darf ich sagen, weil ich auch Triererin bin, einen sehr eigensinnigen Charakter. Man ist erstmal skeptisch und braucht eine Zeitlang, bis man auf Neues zugeht. Auf der anderen Seite haben wir aber auch durch unsere Grenzregion und die Hochschullandschaft eine schön offen durchstrukturierte Gesellschaft, die sich auf Neues einlässt und auch bereit ist, in die Diskussion zu gehen und zu zuhören.

Was würden Sie sich von den Triererinnen und Trierern wünschen?

Ich wünsche mir, dass wir offener und bewusster werden. Wir haben so viel tolle Natur. Nur manchmal glaube ich, dass wir zu verwöhnt sind, um zu sehen, was mit der Natur geschehen kann, wenn wir nicht darauf aufpassen.

Gibt es Punkte, die Ihnen Mut machen, dass Ihre Wünsche in Erfüllung gehen?

Während Corona sind die Menschen dazu gezwungen, sich noch intensiver mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen, zum Beispiel mit dem Kochen. Einige Menschen überlegen sich jetzt: „Wenn ich mir schon Arbeit mache, dann möchte ich auch wissen, mit was ich koche.“ Das hat bei uns dazu geführt, dass sich mehr Menschen getraut haben, ein teureres Stück Fleisch zu kaufen.

Der Familienbetrieb QUINT-Fleischwaren erzielt bereits 50 Prozent des Gesamtumsatzes mit Bio-Waren.

Ich habe Sie auch auf einem Foto gesehen mit der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Wie läuft so ein Gespräch ab? Kommt da auch die Forderung, dass man noch radikaler denken und handeln muss?

In der Tat denken einige, es muss radikaler werden. Da bin ich ein ganz klarer Gegner davon, denn die Landwirtschaft braucht Tiere, also unabhängig davon, ob man Fleisch essen möchte oder nicht. Wir haben eine wahnsinnige Vielfalt an Produkten. Es ist schön, die normale Milch mal gegen eine Hafermilch auszutauschen, aber dafür wollte ich die normale Milch trotzdem nicht missen.

Zur Zukunft der Trierer Innenstadt

Wie sehen Sie als Präsidentin des Handelsverbandes Rheinland-Pfalz die Zukunft der Innenstadt und im Speziellen die Trierer Innenstadt?

Mir macht es ein bisschen Sorge, wenn ich sehe, dass an wunderschönen attraktiven Plätzen der Innenstadt immer mehr Handelsketten aus dem Boden schießen. Wir haben eigentlich eine sehr schöne individuelle Struktur. Ich hoffe, dass es uns möglich sein wird, diese zu erhalten. Ein bisschen Sorge macht es mir, dass so viel Leerstand ist und dann aus der Not heraus an alles vermietet wird. Ich würde mir wünschen, die Vermieter intensiver mit ins Boot zu nehmen.

Es gibt einfach ganz viele Gründe in die Innenstadt zu kommen. Der Handel ist immer noch sehr wichtig, aber nicht mehr das Dominierende oder sehen Sie das anders?

Ich finde, es gibt Handelsgeschäfte, die sind nach wie vor sehr wichtig. Ich würde mir aber eine deutlichere Verbesserung der Lebensmittelqualität innerhalb der Städte wünschen. Da gibt es mir einfach zu viel Fast Food. Wir haben so viele tolle Traditionsrezepte, die noch aus Römerzeiten stammen. Doch wenn sowas aufgetischt wird, dann ist es oft leider in nicht bester Qualität, es ist nicht nachhaltig, nicht ökologisch.

Wird es denn demnächst ein QUINT-Restaurant in der City gibt?

Wenn ich die Power noch hätte, würde ich das machen. Spaß hätte ich da daran, aber leider ist mein Tag auch begrenzt.

Das, was Digitalisierung nicht hinbekommt, sind menschliche Kontakte und Beziehungen, die man knüpft beim persönlichen Einkaufen, beim persönlichen Bummeln, beim Besuchen von Events, beim Trinken von einem Glas Wein auf dem Hauptmarkt.

Theresia Sanktjohanser

Der Strukturwandel in der City ist ja schon wahrnehmbar. Wie ist Ihre Prognose für die nächsten 5 Jahre?

Die Menschen brauchen Events, das sehe ich auch in der Zukunft so. Das, was Digitalisierung nicht hinbekommt, sind menschliche Kontakte und Beziehungen, die man knüpft beim persönlichen Einkaufen, beim persönlichen Bummeln, beim Besuchen von Events, beim Trinken von einem Glas Wein auf dem Hauptmarkt. Das ist das, was die Innenstadt ausmacht und ich glaube, in dieser Richtung muss noch mehr getan.

Was glauben Sie ist anders, wenn ich in 5 Jahren durch die Fußgängerzone gehe?

Da Trier immer etwas länger braucht, weiß ich nicht, ob sich in den fünf Jahren schon so viel verändern wird, aber ja vielleicht ist auch der Druck da, dass sich mehr verändern muss. Wir müssten intensiver mit den Vermietern der Immobilien der Innenstadt zusammenrücken, um zu gestalten. Man muss individuell bleiben, man darf also nicht von anderen Großstädten abkupfern und ein Konzept von A bis Z durchziehen, sondern wir müssen unsere Stärken, der Stadt Trier, herausarbeiten.

mit Theresia Sanktjohanser

1. Ihr Lieblingsort in Trier?
Die Mariensäule.

2. Die beste Zeit für Trier?
Der Sommer.

3. Ihr Trier Souvenir, das sie Freunden mitbringen, die weiter weg wohnen?
Eine gute Flasche Wein.

4. Ihr Lieblingsgericht aus der moselfränkischen Küche?
Teerdisch. Gerne dazu auch eine gebratene Blutwurst.

5. Viez ist für mich?
Sehr lecker.

6. Wenn ich einen Werbespruch für Trier machen müsste, würde der lauten?
Wahrscheinlich einfach: Ich liebe es.

7. An Trier regt mich auf, dass…?
…vieles lange dauert.

8. Wenn ich Oberbürgermeisterin wäre, würde ich…
den Bahnhof auf Touren bringen.

9. In 10 Jahren wird Trier…
…gestärkt und gewachsen sein.

Theresia Sanktjohansers Lieblingsort in Trier: Die Mariensäule.


Von 1, „gar nicht“ bis 10, „absolut hundertprozentig“

10. „Trier ist Kulturstadt“.
8

11. „1000 amazing places you must see before you die“
10

12. Trier ist cool.
10

13. Trier ist eine junge Stadt.
8

14. Trier steckt zu sehr in seiner Vergangenheit fest.
Zwischen 5 und 7.

15. Trier ist dein Dorf.
10

16. Die Trierer*innen sind weltoffen und tolerant.
Da müssen wir dran arbeiten. Geht so in Richtung 4.


Fotos, falls nicht anders angegeben: Trier Tourismus und Marketing GmbH; Header: Shutterstock.

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