Von der Mosel ins Mittelmeer: Wie ein Trierer Forscher die Seefahrt der Antike entziffert

Millionen Menschen haben Boris Herrmann bei seiner atemberaubenden Weltumseglung von zuhause aus begleitet. Sensoren an Bord seiner Yacht lieferten wertvolle Daten für die Ozean- und Klimaforschung. In Trier untersucht das Institut Transmare den maritimen Raum epochenübergreifend. Im Gespräch mit ttm-Geschäftsführer Norbert Käthler erklärt Prof. Christoph Schäfer, wie Universität und Hochschule Trier mit neuen Methoden in die Seefahrt der Antike eintauchen und wertvolle Erkenntnisse für die Zukunft gewinnen.

Ein Forscherteam um Prof. Christoph Schäfer (rechts im Bild) hat ein römisches Handelsschiff originalgetreu nachgebaut.


Norbert Käthler: Sie sind seit 2008 in Trier als Professor an der Universität tätig. Warum haben Sie sich damals für Trier entscheiden?

Prof. Christoph Schäfer: Trier ist ein Zentrum für die Altertumswissenschaften und auch das Fach Geschichte ist im bundesweiten Vergleich in der Spitzengruppe angesiedelt. Ich war vorher in Hamburg, hatte dort einen Lehrstuhl für Alte Geschichte und habe mit Hamburger Studierenden ein Schiff gebaut. Trier ist jedoch anders, denn es ist eine geisteswissenschaftliche Universität. Hier muss ich nicht erklären, warum mein Fach überhaupt existiert, warum ich Geisteswissenschaftler bin, sondern hier ist klar, dass auch wir einen Beitrag für die Kultur, für die Entwicklung unserer Gesellschaft leisten.

Was war Ihr erster Eindruck, als Sie nach Trier kamen?

Der erste Gedanke, als ich von Hamburg nach Trier kam, war die Frage: ‚Hältst du’s hier aus?‘ Weil es doch eine kleine Stadt ist. Ich bin dann einen ganzen Tag durch Trier gegangen, habe mich irgendwie in die Stadt verliebt und gedacht, Trier, das kann’s wirklich sein. Im Nachhinein bin ich sehr glücklich, dass ich diesen Schritt gemacht habe.

Hier muss ich nicht erklären, warum mein Fach überhaupt existiert, warum ich Geisteswissenschaftler bin.

Prof. Christoph Schäfer


Sie sind jetzt schon einige Jahre hier. Was war die spannendste Erfahrung, die Sie in der gesamten Zeit gemacht haben?

Die spannendste Erfahrung ist immer die Begegnung mit den Menschen. Ich habe hier viele gute Freunde gefunden und tolle Unterstützung erfahren. Bei den Projekten, die wir verfolgen, aber auch im privaten.

Wäre das, was Sie machen auch an einem anderen Ort möglich gewesen?

Die Kombination dessen, was wir hier tun, also insbesondere mit dem Institut Transmare, das habe ich so nirgendwo anders angetroffen. Durch Zufall hat es sich gefügt, dass über 20 Kollegen an der Trierer Universität und auch Kollegen von der Hochschule Trier sich mit maritimen Themen beschäftigen. Hier ist eine Forschungsatmosphäre, in der ich mit meinen Spezialitäten gut aufgehoben bin.

Transmare klingt eher nach Weltumsegelung. Vermissen Sie manchmal auch das Meer, das Sie in Hamburg hatten?

Die Mosel ist kein Ersatz, aber etwas anderes. Wir haben eine ganz fantastische Unterstützung hier in der Region für unsere maritimen Projekte. Dennoch zieht es mich immer wieder zum Meer und ich gestehe, ich bin mindestens einmal im Jahr, meistens mehrmals, auf dem Meer und segle.

Die Bissula auf der Mosel – und bald auch im Mittelmeer?


Gibt es denn ein Projekt für die Zukunft, von dem Sie sagen, da gehen Sie jetzt nochmal ganz konkret dran?

Wir haben gerade ein Langfristvorhaben der DFG bekommen, bei dem wir weitere Schiffe in Modellen bauen, die wir testen und deren Leistung wir erforschen können, die wir wiederum in digitale Simulationen für die Seefahrt der Antike einbetten. Diese Methode wird völlig neu entwickelt und lässt sich, wenn wir erfolgreich sind, auch in andere Epochen übertragen, etwa in das Mittelalter oder auch in die frühe Neuzeit, wo wir eben nicht die statistischen Daten wie im 19. und 20. Jahrhundert haben.

Was erforschen Sie damit genau?

Wir untersuchen den Transport von Massengütern wie Öl, Wein, Getreide und Steinen auf den Flüssen und auf dem Meer. Diese Informationen wollen wir dann für andere Epochen und auch für die Gegenwart nutzbar machen.

Wieso ist es für die Gegenwart bedeutsam, wenn ich weiß, dass vor 2000 Jahren das Schiff von Trier zum Mittelmeer auf dieser Route gefahren ist?

Dazu ein Beispiel: Unter Claudius in den 40er-Jahren des ersten Jahrhunderts wird Britannien erobert und römische Provinz. Dort siedeln sich Zehntausende Römer an, zunächst vor allem Militär, aber auch Handwerker und Händler. Weil das Militär sehr hoch bezahlt wird, entsteht ein Wirtschaftsraum, und man trinkt natürlich Wein. Der Wein kommt aus dem Mittelmeerraum, zum Teil aus Griechenland, das können wir an den Amphoren nachweisen. Gleichzeitig wird Olivenöl hier in unseren Raum über den Atlantik und die Flüsse hinauf transportiert. Wenn die Binnenschiffe zurückfahren, entsteht Leerraum. Die Gallier entdecken, dass das sehr günstige Transportverhältnisse sind. Anschließend schießt die Weinproduktion in Gallien durch die Decke und binnen 10 bis 15 Jahren übernehmen die Gallier den Weinmarkt in Britannien.

Globalisierung ist also kein neues Phänomen…

Das ist ein echter Globalisierungseffekt zu dieser Zeit. Im Imperium Romanum können wir immer wieder Veränderungen über einen sehr langen Zeitraum sehen. Das gibt uns Aufschlüsse auch über die Brüche, die uns heute vor Augen stehen, die wir hautnah erleben in einer immer globalisierteren Welt. So können wir Fragestellungen erkennen, die wir heute stellen sollten, damit wir die Situation in unserer Wirtschaft besser verstehen.

Bereit, in See zu stechen: Das Team „Bissula“ bei der Schiffstaufe


Wir haben 2022 die große Landesausstellung „Der Untergang des Römischen Reiches“ in Trier. Hängt das Scheitern des Römischen Reiches aus Ihrer Sicht auch mit den wirtschaftlichen Verhältnissen und den Warenströmen der damaligen Zeit zusammen?

Die Wirtschaft verändert sich ab dem dritten Jahrhundert und natürlich stellt sich die Frage, woran das liegt. Da sind Klimaveränderungen, Veränderungen der Sicherheitslage, die Privatisierung von Militär beispielsweise, die einsetzen, in dieser Endzeit. Es ist nicht so, dass man von dem einem einzigen Zusammenbruch des Römischen Reiches reden kann, sondern es ist sehr stark zu differenzieren in einzelnen Regionen. Was sich sehr verändert, ist der große Zusammenhalt des einheitlichen Wirtschaftsraumes. Der Seehandel geht im dritten Jahrhundert enorm zurück und erholt sich nachher nie mehr so, wie er in der Kaiserzeit, also im ersten, zweiten und Anfang des dritten Jahrhunderts nach Christus, gewesen ist.

Die Bissula wäre eine tolle Botschafterin für Trier und Rheinland-Pfalz.

Prof. Christoph Schäfer zum Vorhaben, mit dem originalgetreuen Nachbau eines römischen Handelsschiffes im Mittelmeer zu fahren.


2019 ist die Bissula, der originalgetreue Nachbau eines römischen Handelsschiffes unter Ihrer Leitung, in Trier getauft worden. Wie geht es mit diesem Leuchtturm-Projekt weiter?

Wir sind nach wie vor mit den französischen Kollegen an der Cote d‘Azur in Kontakt. Die Bissula soll dort im Mittelmeer ein bis anderthalb Jahre alle möglichen Routen von Nordspanien bis nach Norditalien befahren. Mit den Städten an der Küste sind auch Ausstellungen geplant. Die Bissula wäre dann eine tolle Botschafterin für Trier und Rheinland-Pfalz.

Wollen Sie von Trier aus über Kanäle oder über den Atlantik fahren?

Ich würde gerne erstmal im Mittelmeer testen, bevor wir in den Atlantik gehen, weil wir da eine bessere Infrastruktur haben. Nicht mal so sehr, weil ich die See fürchte. Wir können auch, wenn wir über die Kanäle gehen, an den Orten unterwegs Station machen, Events veranstalten und das Schiff in Wert setzen.

Bei der globalen Weltumseglung mit Boris Herrmann hat man gesehen, dass da viele technologische Hilfen eingesetzt wurden. Wie ist das denn bei Ihren Expeditionen mit dem römischen Schiff?

Das ist natürlich etwas ganz anderes. Dennoch haben auch wir modernste Geräte an Bord, wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie das bei den Regattayachten der Fall ist. Die Navigations- und die Messgeräte sind aber durchaus auf dem Level, das ein Boris Herrmann nutzt.

Und damit könnten Sie dann auch eine Weltumsegelung machen? Also auch gegen den Wind kreuzen?

Um richtig gegen den Wind zu kreuzen, müssten wir noch einen bisschen höher am Wind fahren können, denn sonst kreuzen wir ewig, ohne gegen die Windrichtung voranzukommen. Dafür müssten wir allerdings das Schiff anders bauen, denn für die schweren Brecher des Südatlantiks ist diese Konstruktion nicht ganz geeignet. Aber mal sehen, die Kinderkrankheiten sind behoben und die Werte, die wir jetzt haben, sind stabil und gut. Irgendwann wollen wir die Bissula auch bei Wellenschlag und im Meer ausprobieren.

Dann dafür viel Erfolg und danke für das Gespräch.


Das Interview mit Prof. Schäfer führte Norbert Käthler, Geschäftsführer der Trier Tourismus und Marketing GmbH.
Fotos-Copyrights: Prof. Schäfer / Universität Trier / Transmare Institut



Extra: Zur Person
Prof. Christoph Schäfer

Prof. Dr. Christoph Schäfer war von 2003 bis 2008 Professor für Alte Geschichte an der Universität Hamburg und ist seitdem an der Universität Trier tätig. Seine Forschungsschwerpunkte erstrecken sich zeitlich vom 4. Jh. v. Chr. bis zum 6. Jh. n. Chr. Neben politischer Geschichte hat er sich intensiv mit Wirtschafts- und Sozialgeschichte und mit experimenteller Archäologie beschäftigt. Er gilt als Experte im Bereich der antiken Schifffahrt und war maßgeblich an der Rekonstruktion und der Erprobung von inzwischen drei römischen Militärschiffen und einem seegängigen römischen Handelsschiff beteiligt. Zusammen mit drei Kollegen leitet er das TRANSMARE Institut der Universität Trier zur Erforschung des Transfers von Menschen, Gütern und Ideen von der Antike bis zur Gegenwart.



1. Ihr Lieblingsort?
Ich sitze sehr gerne vorm Dom. Ansonsten wechsle ich die Standorte und genieße einfach die Vielfalt.

2. Die beste Zeit für Trier?
Sicherlich von Frühjahr bis Herbst, wenn man sich länger draußen gemütlich aufhalten und das Wetter genießen kann.

3. Ihr Trier Souvenir?
Ich bringe Bücher zum antiken Trier mit. Neben einer guten Flasche Wein kommt das sehr gut an, weil Freunde daran erinnert werden, wie schön Trier ist und was sie vielleicht noch nicht gesehen haben.

4. Ihr Lieblingsgericht aus der moselfränkischen Küche?
Ich finde Schwenkbraten ganz gut.

5. Viez ist für mich…
Ein herber Apfelwein, ein „Äbbelwoi“.

6. Wenn ich einen Werbespruch für Trier machen müsste, würde der lauten…
… Genießen Sie das Altertum und kommen Sie in die Zukunft.

7. An Trier regt mich auf, dass…
… die Verkehrsverhältnisse manchmal etwas schwierig sind, gerade von der Uni in die Stadt.

8. Wenn ich in Trier Oberbürgermeister wäre, würde ich…
… die Antiken-Festspiele wieder einführen.

9. In 10 Jahren wird Trier…
… ein Zentrum maritimer und auch antiker Forschung sein.

Von 1, „gar nicht“ bis 10, „absolut hundertprozentig“

10. Trier ist Kulturstadt.
9

11. a lá „Lonely Planet“: 1000 amazing places you must see before you die.
10

12. Trier ist cool.
8, da könnte noch ein bisschen was passieren.

13. Trier ist eine junge Stadt.
6

14. Trier steckt in seiner Vergangenheit fest.
Würde ich sagen 1, das ist hier nicht der Fall.

15. Trier ist ein Dorf.
5, teils teils.

16. Die Trierer*innen sind weltoffen und tolerant.
Ich würde sagen 7.


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