Moselrisotto

Der Meyer Frank wollte immer schon mal eine Kolumne schreiben, in der Wörter mit drei ‚sss‘ UND drei ‚fff‘ vorkommen, am besten beides in einem Wort!
Ah, ihr habt es sofort überprüft: „Moselrisotto“ ist es nicht. Also dann – Kolumne lesen, kulinarisch-romantische Tipps abholen und das sagenumwobene Wort finden.

Muscheln in der Hand und Maske am Handgelenk – bei seinen ungeahnten Kulinariktipps geht der Meyer Frank auf Nummer sicher.

Mein Kumpel, der Backes Herrmann, hat da so ‘ne Masche: Wenn er eine neue Freundin beeindrucken will, säuselt er ihr ins Ohr: „Lass uns am Strand Muscheln sammeln.“ Klingt erst mal romantisch. Was Herrmann, der auch in Liebesdingen durchaus ökonomisch denkt, zunächst verschweigt: Er sammelt die Muscheln mit ihr nicht am Meeres- sondern am Moselstrand, vorzugsweise um Moselkilometer 191 herum, also zwischen Römerbrücke und Nordbad.

Wussten Sie, dass Trier reich an natürlichen Muscheln ist? Mit etwas Glück entdeckt man am Moselstrand noch die Gemeine Flussmuschel, viel häufiger jedoch findet sich die corbicula fluminea, die Körbchenmuschel. Die gerippte, nur drei Zentimeter große Muschelschale (nein, ich mache jetzt keine blöden Witze über die Körbchengröße), kommt ursprünglich aus Südasien. Nach Trier gelangte sie durch die globalisierte Schifffahrt: Flussschlepper fahren grundsätzlich nie leer, sondern laden, wenn sie gerade keine Fracht führen, größere Mengen Wasser zur Stabilisierung des Schiffes.

Und das läuft so: In Rotterdam Fracht entladen, Meerwasser reingepumpt und sich dabei ein paar Körbchenmuscheln vom asiatischen Frachter nebenan eingefangen. Wasser in Köln oder Koblenz wieder rausgepumpt und schon hat’s asiatische Körbchenmuscheln im Rhein, auch dort, von wo man am deutschen Eck in die Mosel abbiegt. In Trier angekommen, denkt die Körbchenmuschel sich dann: „Hier isses mal schön, hier bleibe ich, bin fruchtbar und vermehre mich.“ Und weil die dickschalige Körbchenmuschel, anders als die einheimische, formschönere Flussmuschel, keine natürlichen Fressfeinde hat, vermehrt sie sich wie blöde. Schlendern Sie doch mal bei Niedrigwasser ab Zurlauben am Flussufer entlang und sehen Sie selbst, wie viele Muschelschalen da rumliegen.

Die Körbchenmuschel hat keine natürlichen Fressfeinde?
Das könnte man doch ändern.


Bei solchem Muschelreichtum stellt sich die Frage: Ja, ist denn der Backes Herrmann der Einzige, der daraus Kapital schlägt? Könnte man nicht die Trierer Souvenir-Industrie zu neuer Blüte erwecken, indem man Schmuckkästchen, Seifendosen oder Weihwasserschälchen mit Muschelschalen beklebt? Moment, was habe ich da eben gelernt? Die Körbchenmuschel hat keine natürlichen Fressfeinde? Das könnte man doch ändern.

Ob sich der Backes Hermann mit Körbchengrößen auskennt? Das weiß keiner so genau. Aber wir wollten ja ohnehin keine schlechten Witze darüber machen.

Bei allem, was Flora und Fauna hervorbringt, interessiert mich grundsätzlich die Frage: Kann man das essen? Könnte nicht der Mensch (im konkreten Fall: der Trierer) als unnatürlicher Fressfeind dienen? Die Antwort für die Körbchenmuschel lautet: theoretisch ja. Im Netz findet man Angler- und Koch-Foren, die mit der Körbchenmuschel experimentiert haben. Gut zubereitet verursacht sie weder Ausschlag noch Brechreiz, schmeckt aber eher ‚neutral‘, was auf Amateurköche-Deutsch soviel heißt wie: fade und langweilig. Aber mit ordentlich Gewürzmischung oder einem Schuss Maggi (wogegen ich als Saarländer nix einzuwenden hätte), kriegt man das mit dem Geschmack doch sicher in den Griff.

Und welche Beilage ‚holt‘ man dazu? Es muss nicht immer Kappes-Teerdich sein, und auch fürs klassische Moules-frites passt die Körbchenmuschel nicht so recht. Sie ist doch asiatisch, wie wäre es also mit Reis? Moselmuschelrisotto! Passt zu Bier und Wein und hätte, bei gekonntem Marketing, sicher rasch Kultstatus bei Trier-Touristen. Wer weiß, vielleicht beschert die Körbchenmuschel als Risotto Trier einen kulinarischen Boom. In China gilt sie immerhin als ‚Glücksmuschel‘.

Ich traue dem Hermann sogar zu, dass er zuhause immer einen Eimer Muscheln parat hat, die er vor einem Rendezvous genau dort auskippt, wo er sie braucht.


Dem Herrmann jedenfalls bringt sie Glück, auch wenn der bei Moselmuscheln nicht an Risotto denkt. Er führt seine aktuell Liebste zielstrebig zu dem Steg unterhalb der Montessori-Schule. Dort ist eine Handvoll Muscheln rasch gesammelt, und ab dann improvisiert der Herrmann eben.

Wenn er Glück hat, fährt gerade ein niederländischer Flussschlepper vorbei und die Bugwelle beschert den Frischverliebten nasse Füße. Dann müssen sich die beiden nah aneinandergerückt auf den Steg setzten, um Schuhe, Socken und Beinkleider zu trocknen, während die Zehen, über einer Muschelbank, im Wasser baumeln. Vielleicht überlässt der Backes Herrmann aber auch nichts dem Zufall, sondern informiert sich vorab, welcher Flussschifffahrtskapitän wann durch Trier kommt, ruft bei ihm an und sagt: „Wenn du morgen gegen halb sieben am Steg bei Kilometer 191 vorbeikommst, mach mal ordentlich Wellen.“

Von der Hand in den Mund lebt es sich bei den „neutral“ schmeckenden Körbchenmuscheln eher schlecht. Aber zum Glück kann man sie auch anderweitig einsetzen – bei romantischen Dates beispielsweise.

Ich traue dem Herrmann sogar zu, dass er zuhause immer einen Eimer Muscheln parat hat, die er vor einem Rendezvous genau dort auskippt, wo er sie braucht, und wo gegen halb sieben ein holländischer Flussschlepper durchkommt. Also falls es beim Herrmann demnächst Moselmuschelrisotto zu essen gibt, werde ich ihn fragen: „Herrmann, wo haste die Schalen hingetan?“

Vielleicht wären die muschelumklebten Weihwasserschälchen doch die bessere Idee? Oder hätten SIE vielleicht noch einen kreativen Vorschlag? Gehen Sie doch einfach mal zu den Muschelbänken am Moselstrand und lassen Sie sich inspirieren.


Bild zeigt Frank P. Meyer mit blauem Hemd und dunkelbraunem Sakko von vorne.
Frank P. Meyer

Zur Person

Frank P. Meyer, Saarländer, Jahrgang 1962, ist Studienberater an der Universität Trier sowie Autor von bisher 8 Büchern (vier Romane sowie Sammlungen von Erzählungen und Kolumnen). Als Trierer Stadtschreiber 2012 begann er, Kolumnen zu schreiben. Inzwischen hat er an die 100 Kolumnen veröffentlicht. Dabei erkundet der „Meyer Frank“ seine Wahlheimat Trier aus seiner sehr eigenwilligen Perspektive.

Foto: Elke Janssen

Stadtkolumne „Lost in Trier“

Zur Blog-Reihe

Eigentlich kennt Wahl-Trierer Frank Meyer die Stadt wie seine Westentasche. Trotzdem ist der gebürtige Saarländer regelmäßig „Lost in Trier“. Allerdings im besten Sinne: Für seine Leserinnen und Leser erkundet er das Kuriose, Liebenswürdige, Kaum-zu-Glaubende, Charakteristische, Alltägliche und Außergewöhnliche dieser Stadt. Wir sind zugegebenermaßen ein bisschen stolz darauf, dass Frank seine Kolumnen, die in Buchform bereits tausende begeistert haben, ab sofort einmal im Monat tastenfrisch bei uns veröffentlicht. Noch nie waren wir so gerne „lost“ wie mit ihm!

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.