Steh- oder Sitztrinker?

Zum ersten Mal seit vielen Jahren hat Frank P. Meyer mal wieder den Weinstand auf dem Trierer Hauptmarkt besucht. Das warf für ihn eine essenzielle Frage des Weingenusses auf:
Im Stehen oder im Sitzen trinken?

Seine Beobachtungen und (neuen) Selbsterkenntnisse schildert er in dieser Kolumne.

Ich war bisher genau zweimal am Trierer Weinstand, einmal 1984 und … letzte Woche. Vor 38 Jahren war es ein Notfall, und jetzt neulich der Versuch, mit dem neuesten Trend mitzuhalten.

Ich habe eine wahrscheinlich überholte Vorstellung davon, in welcher Körper-Position man welches Getränk verzehrt: Wein im Sitzen (vornehmlich in geschlossenen Räumen), Bier im Stehen (gerne auch im Freien). Deshalb gibt es ja auch den Bierstand und die Weinstube. Aber in Trier setzt sich gerade eine Fusion-Trinkkultur durch. Da wird Wein im Stehen getrunken. Von Hunderten. Mitten auf dem Hauptmarkt. Täglich.

Schlendern Sie mal an einem Freitag- oder Samstagabend von der Porta in Richtung St. Gangolf. Ab dem Dreikönigshaus werden Sie ein Geräusch hören, das an einen Bienenschwarm erinnert. Das ist das Schwarmbrummen der Weinstand-Stehtrinker*innen. Ich als Stehtrinken-Sozialisierter war bisher der irrigen Meinung: Wer sich zum Weintrinken nicht gemütlich hinsetzt, ist Wirkungstrinker. Deshalb wollte ich es nicht glauben, als eine Bekannte (die ich bislang für eine Genusstrinkerin hielt) mich fragte, ob wir uns mal am Trierer Weinstand treffen wollen.

Stehtrinker*innen unter sich – ein schönes Glas Wein in guter Gesellschaft lässt sich auch im Stehen optimal genießen.

Triers 2000-Jahrfeier im Jahr 1984 hatte ich zum Anlass genommen, meine Grenzen auszutesten und den Tag-Nacht-Rhythmus mal für ne Woche umgedreht: In der Abenddämmerung aufs Fest, und ab nach Hause ins Bett, sobald die Morgensonne einen zu sehr ins Auge stach. Ich erinnere mich noch daran, dass es morgens zwischen 5 und 8 nicht ganz einfach war, was zum Trinken zu kriegen. So bin ich damals einmal an den damals ganz neu eröffneten Hauptmarkt-Weinstand geraten und hatte dort den Eindruck: Das hier ist nicht meine Peergroup.

Ein ähnliches Gefühl beschlich mich letzte Woche. Während besagte Bekannte eine Flasche Wein besorgte, sah ich mich um und musste feststellen, dass der Trierer Weinstand inzwischen jugendkulturkompatibel geworden ist. 1984 waren die meisten Weinstand-Gäste so alt wie … tja, wie ich jetzt bin. Nun bin ich der Schwarmälteste und verderbe den Altersschnitt auf dem Hauptmarkt gehörig.

Die Jungs direkt neben mir (alle höchstens Anfang 20) schätzte ich so ein, dass sie bis 19 am liebsten übergezuckerte Alkopops konsumiert hatten. Und jetzt standen sie da im Kreis, jeder ein langstieliges Glas in der Hand, vor sich auf dem Boden eine geleerte und eine noch halbvolle Weinflasche, und einen Bluetooth-Lautsprecher, länglich, rund, 16 Watt, mit marktplatzfüllendem Stereosound. Es lief ‚Griechischer Wein‘, und zwar in einer Lautstärke, dass Udo Jürgens von Tabak Wolsdorff bis Leder Ludwig nicht zu überhören war. Ich ertappte mich dabei, den 70er-Jahre-Lieblingshit meiner Oma leise mitzusingen. Textsicher. Hätte ich mir zu meiner Studentenzeit in den 1980ern erlaubt, mit elegantem Weinglas in der Hand deutsche Schlager mitzugrölen, wäre ich sofort in den Verdacht geraten, aktives FDP-Mitglied zu sein. Und zu der Zeit wollte man genau diesen Verdacht vermeiden.

Zig Gläser wandern an einem normalen Weinstand-Tag über die Theke. Kein Wunder, wenn der Wein so gut schmeckt.

‚Griechischer Wein‘ passt ja inhaltlich nicht so recht zum Trierer Weinstand, aber von Udo Jürgens ist es, stilistisch gesehen, nicht mehr weit zu ‚Oh Mosella‘ und von da wiederum nur noch ein kleiner Schritt zu ‚Trink, trink, Brüderlein trink‘. Vielleicht werden am Weinstand dereinst Lieder erklingen (nicht nur elektronisch sondern selbstgesungen), die schon als ausgestorben galten. Weinstand der verklungenen Melodien.

Der Wein, den ich an dem Abend probierte war hervorragend. Grauburgunder vom Weingut Frieden-Berg in Nittel. Sehr vollmundig der Tropfen, selbst wenn man ihn stehend verköstigt.

Alle paar Tage wechselt der Weinstand-Wein. Von März bis November lösen sich etwa 80 Winzer beim Ausschank ab, vermutlich, weil keiner den Verkaufsstress länger als eine halbe Woche aushält, oder weil sonst der Gesamtbestand mancher Saar-, Mosel- und Ruwerweine (viele davon in Familienbetrieben produziert) leergetrunken wäre.

Das Weinprobieren beginnt morgens um 10, ich habe das überprüft (letzten Samstag: Weinstand öffnet pünktlich um 9:59, die ersten zwei Weingläser werden um 10:04 an zwei Fahrradfahrer über die Theke gereicht). Gegen Mittag ist schon ordentlich Betrieb, und abends, wie gesagt: ein Riesenschwarm.

Die Ruhe vor dem Sturm: Ganz ohne Gäste gibt es den Weinstand wohl nur am frühen Morgen zu sehen.

Der Weinstand ist übrigens kein Konkurrenzunternehmen zu den etablierten Trierer Weinstuben. Auch dessen habe ich mich vergewissert und mal beim Kesselstatt vorbeigeschaut. Da war ebenfalls alles proppenvoll. Auf dem Weg dorthin sah ich haufenweise junge Leute mit langstieligen Gläsern, die sich vom Marktkreuz bis zum Domstein verteilten. Triererinnen und Trierer brauchen Platz zum Weintrinken.

Ein wenig Sorgen mache ich mir allerdings darum, ob die ganzen Touristen rund um den Hauptmarkt noch durchkommen. Wenn die klug sind, probieren sie einfach ein Gläschen mit.

Weinstand auf dem Hauptmarkt Trier abends
Wein-Fans so weit das Auge reicht. Abends ein Glässchen Wein auf dem Hauptmarkt zu trinken, ist ein absolutes Muss.

Klingt doch nach einem guten Plan: Auf dem Hauptmarkt trinkt man sich stehend schon mal warm (das gilt auch für passionierte Bier-Connaisseurs – selbst die können sich Wein schöntrinken) und dann den Abend in der umliegenden Gastronomie gemütlich sitztrinkend ausklingen lassen.

Heute fragen mich zwei Freunde, ob und wo wir uns endlich mal wieder treffen, und ich ertappe mich doch tatsächlich bei der spontanen Antwort: „Gern, auf’m Hauptmarkt. Zum Stehendweintrinken.“

Bild zeigt Frank P. Meyer mit blauem Hemd und dunkelbraunem Sakko von vorne.
Frank P. Meyer

Zur Person

Frank P. Meyer, Saarländer, Jahrgang 1962, ist Studienberater an der Universität Trier sowie Autor von bisher 8 Büchern (vier Romane sowie Sammlungen von Erzählungen und Kolumnen). Als Trierer Stadtschreiber 2012 begann er, Kolumnen zu schreiben. Inzwischen hat er an die 100 Kolumnen veröffentlicht. Dabei erkundet der „Meyer Frank“ seine Wahlheimat Trier aus seiner sehr eigenwilligen Perspektive.

Foto: Elke Janssen

Stadtkolumne „Lost in Trier“

Zur Blog-Reihe

Eigentlich kennt Wahl-Trierer Frank Meyer die Stadt wie seine Westentasche. Trotzdem ist der gebürtige Saarländer regelmäßig „Lost in Trier“. Allerdings im besten Sinne: Für seine Leserinnen und Leser erkundet er das Kuriose, Liebenswürdige, Kaum-zu-Glaubende, Charakteristische, Alltägliche und Außergewöhnliche dieser Stadt. Wir sind zugegebenermaßen ein bisschen stolz darauf, dass Frank seine Kolumnen, die in Buchform bereits tausende begeistert haben, ab sofort einmal im Monat tastenfrisch bei uns veröffentlicht. Noch nie waren wir so gerne „lost“ wie mit ihm!

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