Als Napoleon Bauchweh hatte

Viele schöne Wörter beginnen mit ‚Löwen‘: Löwenanteil, Löwensenf, Trierer Löwenbräu und: Löwenapotheke. Letztere liegt, Gott sei’s gedankt, in unmittelbarer Nachbarschaft zu mehreren Wein- und Gasthäusern. Neulich auf dem Weg zur Weinstube Kesselstatt merkte ich, dass meine Corona-Maske fast auseinanderfiel. Ich also schnell in die Löwenapotheke.
Da war ordentlich Betrieb, und weil ich wegen der Abstandsregel vor der Tür anstehen musste, fiel mir zum ersten Mal auf, dass dort überm Eingang geschrieben steht: Älteste Apotheke Deutschlands. Seit 1241.

Inschrift über der Löwenapotheke am Hauptmarkt in Trier


Man sieht der Löwenapotheke ihr Alter nicht an. Im Gegenteil: Innen wirkt sie wie ein Space-Lab und an der Ladentheke erwartet man eher einen grimmig dreinblickenden Captain Kirk als eine freundliche Apothekerinnen. Doch der innere Schein trügt. Von außen ist die Löwenapotheke steinalt.

In Trier ist so einiges ‚am ältesten‘ in Deutschland: ältester Dom, ältestes Stadttor, älteste Steinbrücke und mancherorts: ältester Straßenbelag Deutschlands. Aber dass Trier auch die älteste Apotheke hat, war mir neu.
Bisher kam ich auch ohne dieses Spezialwissen klar, jetzt aber, wo ich es weiß, fasziniert mich die Vorstellung, wer hier schon Nasenspray und Betablocker gekauft haben könnte, oder was sonst in den letzten 780 Jahren so im Sortiment war.
Während ich zum Maskenkaufen anstehe, begebe ich mich vor meinem inneren Auge auf eine Zeitreise.

1835: Jenny von Westphalen betritt die Löwenapotheke, einen feschen Burschen an der Hand, der etwas linkisch dreinschaut.
Jenny: „Haben Sie etwas gegen Schwerverdauliches?“
Löwenapotheker: „Hat‘s der junge Mann im Gedärm?“
Jenny: „Eher im Kopp. Dauernd brütet mein Karl an schwerverdaulichen Theorien.“
Der Apotheker gibt Jenny eine Ladung Baldrian, damit ihr Marx mental wieder runterkommt.

Oder 1512: Ein stattlicher Mann mit Krone tritt vor die MTA (=mittelalterich-trierische Apothekenassistentin) und fragt: „Haben Sie etwas, äh, also … wenn’s hinten in der Furche…“
MTA: „Sind Sie der, für den ich Sie halte?“
Der mit der Krone (strahlt): „Ja, ich bin Ihr Kaiser, Gnädigste. Gestatten: Maximilian der Erste.“
MTA: „Wegen Ihnen wird doch jetzt dem Jesus sein Kiedel (Trierisch für: Heiliger Rock) öffentlich übers Geländer gehängt.“
Kaiser Max: „Genau. Eigentlich sollte ich dauernd in der Messe sitzen und Choräle anhören. Ich war die letzten Tage aber rund um die Grimburg schön auf der Jagd und hab mich dabei wundgeritten.“
Die MTA verkauft Maximilian eine hausgemachte Hämorrhoiden-Salbe speziell für Kaiser- und Bischofshintern.

Ich stelle mir vor, dass selbst Goethe in der Löwenapotheke vorbeischaute, als er 1792 auf dem Weg ins revolutionäre Frankreich Zwischenstation in Trier machte.
Löwenapotheker (fragt den derangiert wirkenden Fremden): „Kann ich Ihnen helfen?“
Goehte (mit hessischem Akzent): „Isch bräujscht en Packung Alka-Selzä.“
„Sodbrennen?“
„Auch, unn Koppweh, isch vertraach dene Trierer Äbbelwoi net, onn mein Scheff, der Herzoch Carl-August, schütt das Zeusch nunnä wie Abbelsaft.“
Löwenapotheker: „Tja, unser Viez ist nix für Memmen.“ Er versorgt Goethe für die Weiterfahrt nach Frankreich mit Löwen-Alka-Selzer. „Davon werden Sie ordentlich was brauchen, wenn Sie in die Gegend von Reims kommen. Champagner macht genauso’n dicken Kopp wie Viez.“

Und wer bestimmt auch reinkam: Napoleon!
Löwenapothekerin (sieht den kleinen Mann mit dem komischen Hut an und fragt): „Hast du Bauchweh?“
Napoleon: „Pardon?“
Sie deutet auf Napoleons Hand, die auf Nabelhöhe in der aufgeknöpften Weste steckt und den Bauch hält. „Jetzt holst du mal deine Hand aus‘m Juppen, stellst dich ordentlich hin, und sagst, wer du bist und was du willst.“
„Je suis un conquérant, Madame, Eroberer. Et aussi un touriste. Ich wollt mir ‘eut mal die ältest‘ Apothek‘ en Prusse anguck‘“.
„Ei dann guck. Was hast du in Trier sonst noch vor?“
„Ich lass die Porte Noir en petit umbau‘.“
„Gute Idee. Und wohin geht’s nach Trier noch weiter?
„Russ-londe.“
Die Löwenapothekerin lüpft missbilligend eine Augenbraue und kramt von unter der Ladentheke ein Gläschen Reisetabletten hervor. „Wer soviel in Europa rumkommt, braucht die.“
„Ah, merci beaucoup.“

Gastautor Frank P. Meyer vor der ältesten Apotheke Deutschlands

Und so weiter. Basteln Sie sich doch selber ein paar historische Löwenapotheke-Begegnungen.
„Sie wünschen?“ Oha, ich bin in der Schlange weitergerückt und stehe vor einer auffordernd blickenden Apothekerin. „Bin ich dran? Was wollt‘ ich doch gleich? Reisetab…, Hämorr…, Alkaselz… Quatsch: Ich brauch ‘ne FFP2-Maske, mit der sie mich in die Weinstube reinlassen.“

Bild zeigt Frank P. Meyer mit blauem Hemd und dunkelbraunem Sakko von vorne.
Frank P. Meyer

Zur Person

Frank P. Meyer, Saarländer, Jahrgang 1962, ist Studienberater an der Universität Trier sowie Autor von bisher 8 Büchern (vier Romane sowie Sammlungen von Erzählungen und Kolumnen). Als Trierer Stadtschreiber 2012 begann er, Kolumnen zu schreiben. Inzwischen hat er an die 100 Kolumnen veröffentlicht. Dabei erkundet der „Meyer Frank“ seine Wahlheimat Trier aus seiner sehr eigenwilligen Perspektive.

Foto: Elke Janssen

Stadtkolumne „Lost in Trier“

Zur Blog-Reihe

Eigentlich kennt Wahl-Trierer Frank Meyer die Stadt wie seine Westentasche. Trotzdem ist der gebürtige Saarländer regelmäßig „Lost in Trier“. Allerdings im besten Sinne: Für seine Leserinnen und Leser erkundet er das Kuriose, Liebenswürdige, Kaum-zu-Glaubende, Charakteristische, Alltägliche und Außergewöhnliche dieser Stadt. Wir sind zugegebenermaßen ein bisschen stolz darauf, dass Frank seine Kolumnen, die in Buchform bereits tausende begeistert haben, ab sofort einmal im Monat tastenfrisch bei uns veröffentlicht. Noch nie waren wir so gerne „lost“ wie mit ihm!

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.