Tanzteetauglich

Was den Besuch einer Tanzschule so besonders macht, hat Frank P. Meyer hautnah erlebt. In seiner Kolumne erzählt er von seinen Erlebnissen in einem Anfängerkurs für Standardtänze. Dabei spielt er mit Klischees, berichtet wo seine ganz persönlichen Talente liegen und warum man beim Tanzen auch mal fürs Leben lernen kann.

Damit das klar ist: Es war nicht meine Idee. Überhaupt sind‘s zumeist nicht Männer, die den Satz sagen: „Liebling, ich würde sooo gerne einen Tanzkurs machen.“ Auf Fragen, in denen das Wort Tanzkurs vorkommt, antworten Männer allenfalls: „Wenn’s unbedingt sein muss.“ Ich versuche bei meiner Zusage einigermaßen enthusiastisch zu klingen, stelle aber klar: „Nur den Anfängerkurs. Nicht, dass mir das zur Gewohnheit wird.“ Und so finde ich mich mittwochabends in Trier-Kürenz in Franks Tanzschule wieder, im Anfängerkurs für Standardtänze.

Frank Meyer hat eine passende Tanzschule für sich gefunden – nicht nur des Namens wegen.

Seit Januar 2016 betreibt Frank Kronenbusch in der Schönbornstraße 29 (ehemals: Fliesen Scholtes) seine Tanzschule, mit stets liebevoll geschmücktem Tanzsaal. Wie viele Bräutigame verdanken diesem fürsorglichen Tanzlehrer wohl einen unfallfrei geschwoften Hochzeitstanz! Ich bin nicht im Hochzeitstanzvorbereitungskurs (den gibt‘s tatsächlich, und Heiraten ist eine glaubwürdige Ausrede für ‚in den Tanzkurs müssen‘), sondern soll im A-Kurs tanzteetauglich gemacht werden. Freunde und Bekannte, vor allem weibliche, behaupten, es sei schön, gelegentlich zu Tanzpartys zu gehen, die an Freitagabenden oder Sonntagnachmittagen in Trier angeboten und zusehends beliebter werden.

Zur ersten Tanzstunde, vorm Eingang zum Tanzsaal, sehe ich den anderen Männern an, dass auch deren intrinsische Motivation zu wünschen übrig lässt (während die Frauen erwartungsvoll bis selig lächeln).
Zunächst vermeiden wir Männer untereinander direkten Blickkontakt. Zwei tragen Heavy Metal-T-Shirts, einer ein Fußballtrikot. Manche sind gekleidet, als hätten sie gerade noch rechtzeitig mit den Baumfällarbeiten aufgehört, um pünktlich zum Tanzen zu kommen. Vielleicht sollen diese Outfits zeigen: Auch wenn wir uns gerade in einem Tanzkurs befinden, sind wir trotzdem ganze Männer.

In den Tanzstunden-Pausen trinken wir Jungs draußen vor der Tanzschule Bier aus Stubbiflaschen; elegante, langstielige Biergläser lehnen wir geschlossen ab, um einen Hauch von ‚Draußen-Grillen‘ oder ‚Stehplatz Ostkurve‘ heraufzubeschwören. Stefan erzählt vom Motorrad-Fahren auf dem Nürburgring. Auch Themen wie ‚die Arbeit‘ oder ‚welchen Sport machst du?‘ erweisen sich als tanzkurspausengeeignet. Auf die Sportfrage antworte ich beinahe mit ‚momentan nur Tanzen‘, verkneife mir das aber. Tanzen ist kein Sport, Tanzen ist ein Gefallen, den man seiner Partnerin tut. Und wir Jungs versichern uns gegenseitig: „Nur dieses eine Mal, nur den Anfängerkurs.“

Ein Klischee, das ich nicht bedienen kann (und ich bediene hier durchaus einige), ist, dass Männer grundsätzlich nicht tanzen können. Sie mögen sich reflexartig dagegen sträuben, aber bei manchen sind brauchbare Ansätze zu entdecken. Natürlich neigen wir anfangs, selbst beim Walzer, zu ausgeprägt maskulinen Schritten, was bedeutet, dass jeder Step, eins-zwei-drei-eins-zwei-drei, raumgreifender ausfällt als nötig. Das kommt von der ansozialisierten Breitbeinigkeit. Mit dieser jedoch kommt man beim Tanzen nicht weit bzw. dem Takt nicht hinterher. Also bringt Frank uns bei: Kürzerzutreten. Auch beim Tango. Der Tango und ich sind nicht kompatibel. Offensichtlich fehlt mir ein südamerikanisches Gen (obwohl ich mit Rumba und ChaChaCha zurechtkomme). Den Tango-Takt kann ich zwar halten und kriege sogar die Schrittfolge hin, das latent Leidenschaftlich-Erotische aber will bei mir nicht so recht rüberkommen. Der langsame Walzer passt da schon eher zu meinem karierten Flanellhemd. Auch mit Jive (der macht mich verspätet zum ABBA-Fan!) komme ich klar. Meine Schritte, wie auch die der anderen Männer, werden dank Franks geduldiger Hilfe im Laufe des Kurses kleiner, tänzelnder (natürlich nur, bis die Tanzstunde rum ist. Danach gehen wir wieder wie gestandene Bauarbeiter, dabei sind wir größtenteils Verwaltungsangestellte.

Manchmal ergeben sich peinliche Momente, z.B. als wir (‚wir‘ steht für die Jungs meiner Altersgruppe) uns beim Disco-Fox-Üben beim Ertönen des 70er-Jahre-Hits Saturday Night Fever ertappt fühlen! Denn wer hat damals nicht heimlich versucht, mit soviel Hüftschwung rumzulaufen wie John Travolta.

Tanzlehrer Frank besitzt die Fähigkeit, eine entkrampfte Atmosphäre zu schaffen, u.a. indem er Witze macht wie: „Bei der Tanzhaltung ruht die Hand des Herrn direkt unterm Schulterblatt der Dame…“ (Kunstpause). „…dem vom Herrn aus gesehen NÄHEREN Schulterblatt! Ein bisschen Abstand wollen wir doch halten.“

Aber Frank sagt nicht nur Witziges, sondern auch beziehungsphilosophische Sätze wie: „Beim Bachata muss der Herr der Dame den Raum geben, den sie braucht, um sich frei bewegen und drehen zu können.“ Die Kunstpause ist hierbei hinter „…der Dame den Raum geben, den sie braucht“, um uns zur Einsicht kommen zu lassen: ‚Das gilt wohl nicht nur für den Bachata.‘
Auch Tanzweisheiten wie: „Beim Foxtrott muss der Herr klarmachen, wo er mit der Dame hinwill“ gehören eigentlich in jedes Beziehungshandbuch.

Die Atmosphäre in der Tanzschule stimmt und ein paar Tanzteetaugliche zeigen schon ihr Können.

Nach der letzten Stunde des Anfängerkurses treffen wir Jungs uns draußen vorm Tanzsaal (mit Stubbiflasche, die Frauen schlürfen drinnen Cocktails. Ich sagte doch, ich bediene Klischees), und einer beginnt herumzudrucksen: „Also ich…wir überlegen, ob wir vielleicht doch noch den Fortgeschrittenenkurs…, also ein bisschen Spaß macht‘s ja doch, irgendwie.“ Wir starren verlegen auf unsere Bierflaschen, nicken.
Wie sich herausstellt, werde ich die meisten der Jungs im Folgekurs wiedertreffen, oder auf Tanzpartys. Tanzteetauglich sind wir jetzt ja.

Bild zeigt Frank P. Meyer mit blauem Hemd und dunkelbraunem Sakko von vorne.
Frank P. Meyer

Zur Person

Frank P. Meyer, Saarländer, Jahrgang 1962, ist Studienberater an der Universität Trier sowie Autor von bisher 8 Büchern (vier Romane sowie Sammlungen von Erzählungen und Kolumnen). Als Trierer Stadtschreiber 2012 begann er, Kolumnen zu schreiben. Inzwischen hat er an die 100 Kolumnen veröffentlicht. Dabei erkundet der „Meyer Frank“ seine Wahlheimat Trier aus seiner sehr eigenwilligen Perspektive.

Foto: Elke Janssen

Stadtkolumne „Lost in Trier“

Zur Blog-Reihe

Eigentlich kennt Wahl-Trierer Frank Meyer die Stadt wie seine Westentasche. Trotzdem ist der gebürtige Saarländer regelmäßig „Lost in Trier“. Allerdings im besten Sinne: Für seine Leserinnen und Leser erkundet er das Kuriose, Liebenswürdige, Kaum-zu-Glaubende, Charakteristische, Alltägliche und Außergewöhnliche dieser Stadt. Wir sind zugegebenermaßen ein bisschen stolz darauf, dass Frank seine Kolumnen, die in Buchform bereits tausende begeistert haben, ab sofort einmal im Monat tastenfrisch bei uns veröffentlicht. Noch nie waren wir so gerne „lost“ wie mit ihm!

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